Wie wird man finanziell vermögend? Natürlich gibt es das Szenario „plötzlich Geld“. Der Verkauf des eigenen Unternehmens, die Veräußerung einer Immobilie, eine Abfindung, ein außergewöhnlich hoher Sonderbonus oder eine Erbschaft. Solche Ereignisse begleiten wir regelmäßig, und sie stellen die Betroffenen vor ganz eigene Fragen. Der weitaus größere Teil unserer Mandanten baut ihr Vermögen aber anders auf: über Jahre und Jahrzehnte, aus einer normalen, wenn auch meist gut bezahlten Erwerbstätigkeit oder Selbständigkeit heraus. Die naheliegende Frage lautet dann: Reicht das überhaupt für ein nennenswertes Vermögen?
Es reicht, sofern das Geld arbeitet. Die vermutlich wichtigste Lektion für ein ganzes Anlegerleben besteht darin, das Ersparte über das Berufsleben hinweg ordentlich zu verzinsen, beispielsweise in einem aktienorientierten Portfolio. Wer heute 250.000 Euro für die nächsten 25 Jahre anlegt und dabei eine konservativ gerechnete Portfoliorendite von 6 Prozent pro Jahr erzielt, kommt rechnerisch auf rund 1.073.000 Euro. Der Zuwachs beträgt also knapp 823.000 Euro. Interessant ist dabei die Zusammensetzung: Auf das eingesetzte Kapital selbst entfallen davon 375.000 Euro. Die übrigen rund 448.000 Euro entstehen ausschließlich dadurch, dass bereits erzielte Renditen erneut Rendite erwirtschaften. Mehr als die Hälfte des Ertrags kommt in diesem Beispiel also nicht aus Ihrem Geld, sondern aus den Erträgen Ihres Geldes.
Daraus folgt neben der reinen Investmenttheorie eine zweite, mindestens ebenso wichtige Erkenntnis: Früh anfangen lohnt sich. Nehmen wir an, dieselben 250.000 Euro dürfen nicht 25, sondern 35 Jahre arbeiten. Aus derselben Einzahlung werden dann rund 1.922.000 Euro. Zehn zusätzliche Jahre bringen in diesem Beispiel also gut 849.000 Euro, und damit mehr als der gesamte Ertrag der ersten 25 Jahre.
Richtig spannend wird die Rechnung allerdings erst, wenn zum Anfangsvermögen laufend frisches Geld hinzukommt. Ergänzen wir die beiden Beispiele daher um einen monatlichen Sparplan von 500 Euro. Über 25 Jahre steigt das Endvermögen damit von rund 1.073.000 auf etwa 1.411.000 Euro, obwohl insgesamt nur 150.000 Euro zusätzlich eingezahlt wurden. Über 35 Jahre wächst es von rund 1.922.000 auf circa 2.608.000 Euro, bei zusätzlichen Einzahlungen von 210.000 Euro. Aus diesen 210.000 Euro werden also fast 687.000 Euro.
Der Sparplan: Spektakulär unspektakulär
Das sinnvollste Vehikel für diese regelmäßige Vermögensbildung ist der Sparplan. Technisch ist er nichts anderes als eine Lastschrift von Ihrem Referenzkonto, der meist zu Monatsbeginn direkt in ein Wertpapierportfolio investiert wird. Stellen Sie sich nun einmal vor, Sie müssten statt dieses Dauerauftrags jeden Monat aufs Neue entscheiden, ob gerade jetzt der richtige Zeitpunkt zum Investieren ist. Und gleich mit dazu – in was Sie eigentlich investieren. Soll man wirklich noch deutsche Aktien kaufen, wenn die hiesige Wirtschaft nicht wächst? Im Herbst stehen doch die Midterms in den USA an, sollte man das nicht besser abwarten? Und wann platzt eigentlich diese KI-Blase – oder gibt es sie gar nicht? Zwölf solcher Entscheidungen pro Jahr, über 30 Jahre hinweg, ergeben 360 Gelegenheiten, etwas falsch zu machen oder nicht zu investieren.
Neben dem „ob“ und dem „wann“ bleibt dann noch die Frage „in was“ investieren? Immer den gleichen Baustein besparen? Oder das Wertpapier, welches zuletzt schlechter gelaufen ist (Antizyklisch) – oder besser (Momentum)? Häufig sehen wir Portfolios, in welchen besparte Positionen gefährlich groß werden. Diese Klumpenrisiken gilt es doch eigentlich zu vermeiden. Deshalb haben werden in unseren Modellportfolios nicht einzelne Fonds gespart, sondern pro rata die gesamte Strategie. Ist ein USA-ETF mit 22,5 Prozent gewichtet, landen von 100 Euro genau 22,50 Euro dort und der Rest verteilt sich entsprechend auf alle übrigen Bausteine.
Der Sparplan macht uns klammheimlich zu besseren Anlegern, und zwar gerade, weil wir mit ihm nicht mehr über all das nachdenken. Sein größter Vorzug liegt vermutlich darin, dass er den Anleger aus dem Prozess entfernt. Die Verhaltensökonomie nennt eine solche Konstruktion ein Commitment Device: eine Selbstbindung, die künftige Entscheidungen bewusst aus der Hand gibt, weil man sich selbst in der jeweiligen Situation nicht über den Weg traut. Die relevante Frage lautet damit nicht mehr, wie Sie Ihren Einstiegskurs optimieren, sondern wie Sie einen Prozess bauen, der Sie davon abhält, überhaupt ständig Investmententscheidungen treffen zu müssen. Verlustaversion, Regret Aversion und mangelnde Selbstkontrolle laufen dann schlicht ins Leere, weil ihnen der Anlass fehlt. Regelbasiertes und automatisiertes Investieren ist damit keine Bequemlichkeit, sondern eine bewusste Entscheidung gegen die eigene Fehleranfälligkeit.
Der Sparplan: Er läuft
Ein realistisch bemessener und konsequent durchgehaltener Sparplan macht mental frei. Wenn der Betrag für ein gutes Leben im Alter, die Erbschaft an die Kinder oder für die angestrebte Ferienimmobilie schon zum Monatsanfang automatisch vom Konto gebucht wird, entsteht Raum für die schönen Dinge im Hier und Jetzt. Und ebenso Gelassenheit für das Unvorhergesehene:
- Der Urlaub wird teurer? Sparplan läuft.
- Das Auto ist kaputt? Sparplan läuft.
- Nur noch VIP-Tickets für Bayern gegen Dortmund? Sparplan läuft.
Diese Gelassenheit trägt auch dann, wenn es am Kapitalmarkt ungemütlich wird. Hätten Sie am 1. April 2020, mitten im Corona-Crash, tatsächlich gekauft? Würden Sie sich ärgern, wenn die Kurse in vier Wochen noch günstiger stehen? Oder würden Sie lieber warten, bis der nächste Bärenmarkt vorüber ist? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, weiß, warum die meisten Privatanleger in Krisen zu wenig und in Euphoriephasen zu viel investiert haben. Der Sparplan läuft auch dann, wenn sich Investieren gerade falsch anfühlt. Und genau in solchen Phasen sind die erwarteten Renditen erfahrungsgemäß am höchsten.
Bleibt noch die Frage nach der richtigen Sparplanhöhe: Für die Altersvorsorge halten wir 10 Prozent des Nettoeinkommens für das absolute Minimum, 15 Prozent für einen guten Wert und alles jenseits von 20 Prozent für komfortabel. Steigt das Einkommen und sind die Basisausgaben gedeckt, darf die Quote auch deutlich darüber liegen. Wichtiger als der letzte Prozentpunkt ist allerdings, dass die Rate realistisch bemessen ist. Ein Sparplan, den Sie nach acht Monaten wieder aussetzen müssen, weil er das Haushaltsbudget sprengt, hilft niemandem. Und richtig sparen bleibt ohnehin ein Balanceakt zwischen einem reichen Leben heute und einem reichen Leben in der Zukunft. Wer 40 Jahre lang verzichtet, um am Ende wohlhabend zu sterben, hat die Aufgabe genauso verfehlt wie derjenige, dem mit 70 das Geld ausgeht. Beides sind Planungsfehler, nur fällt der eine niemandem auf.