„Nicht schon wieder Krieg!“, lautete in etwa unsere Reaktion als im Wochenend-Morning-Briefing vom Einsatz der US-Armee im Iran zu lesen war. Wir als Berater sprechen über dieses Thema ehrlich gesagt ungern. Wenn irgendwo auf der Welt Krieg ausbricht, denkt man an menschliches Leid und Zerstörung. Ist es da in Ordnung, einen nüchternen Blick auf die Frage zu werfen, wie sich Anleger in solchen Szenarien verhalten sollen?
Wohl ja, denn zum einen sehen wir es als Vermögensberater als unsere Aufgabe Menschen in diesen unsicheren Zeiten vor Fehlentscheidungen zu bewahren, die sie am Ende um das eigene Vermögen und damit die eigene Lebensqualität bringen. Die jüngste Eskalation rund um den Iran zeigt erneut, wie schnell sich Spannungen auf die Kapitalmärkte übertragen können. In den vergangenen Tagen reagierten Aktienmärkte weltweit mit erhöhter Volatilität, während Energiepreise anstiegen und die Unsicherheit über die globale Konjunktur zunahm. Eine gute Zeit, um bei der Geldanlage Fehler zu machen, die wir verhindern möchten.
Zum anderen kommt hinzu, dass nach einer langen Phase relativer geopolitischer Stabilität internationale Konflikte zuletzt wieder häufiger auf den Titelseiten der Tageszeitungen stehen. Ukraine, Gaza, Venezuela und jetzt Iran. Völlig unabhängig von Einordnung, Ursache und Lage des Konflikts, stellt sich mittlerweile immer öfter die Frage, wie sich Kriege auf Aktienmärkte und damit Portfolios von Privatanlegern auswirken. Somit bemühen wir uns in dieser DER FINANZBERATER-Ausgabe um eine Einordnung, die auch Bestand hat, sollte China irgendwann doch Taiwan angreifen.
Aktienmärkte bleiben im Krieg bemerkenswert widerstandsfähig
Kriege führen immer zu einem hohen Maß an Unsicherheit. Der Ausbruch eines Krieges, oder bereits die Erwartung eines solchen, kann zu einem starken Ausverkauf an den Aktienmärkten führen. Anleger weichen dann häufig auf traditionell sicherere Anlagen wie Gold, Anleihen oder Liquidität aus, die als sichere Häfen gelten. Trotz dieser anfänglich negativen Reaktion haben sich Aktienmärkte über längere Zeiträume hinweg jedoch als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Oft erholen sie sich relativ schnell, sobald sich die Lage stabilisiert oder der Umfang des Konflikts klarer wird.
Das belegt der Blick in die Geschichte. Denn die Kapitalmärkte haben im vergangenen Jahrhundert bereits zahlreiche geopolitische Krisen, Kriege und militärische Konflikte erlebt. In Bezug auf den global größten amerikanischen Aktienmarkt wird klar, dass die Kurse im Mittel mit -4,6 % reagierten – der Verlust im Schnitt aber bereits nach sechs Wochen ausgeglichen ist.
Tabelle: Wie der S&P 500 auf geopolitische Schocks reagiert hat
| Ereignis | Datum | Gesamtrückgang | 1 Jahr später |
| Angriff auf Pearl Harbor | 7.12.1941 | -19,8% | 11,4% |
| Ungarischer Volksaufstand | 23.8.1956 | -0,8% | -8,2% |
| Suezkrise | 29.8.1956 | -1,5% | -8,8% |
| Kubakrise | 16.10.1962 | -6,6% | 32,1% |
| Ermordung Kennedys | 22.11.1963 | -2,8% | 27,8% |
| Olympische Spiele in München (Attentat) | 5.9.1972 | -4,3% | -3,1% |
| Yom-Kippur-Krieg | 6.10.1973 | -0,6% | -41,1% |
| Iraks Invasion in Kuwait | 2.8.1990 | -16,9% | 14,0% |
| Terroranschlag in den USA | 11.9.2001 | -11,6% | -11,2% |
| Bombardierung Syriens | 7.4.2017 | -1,2% | 12,7% |
| Iranischer General bei Luftangriff getötet | 3.1.2020 | -0,7% | 18,2% |
| Russische Invasion in der Ukraine | 17.2.2022 | -6,8% | -5,3% |
| Israel-Hamas-Krieg | 9.10.2023 | -4,5% | 35,5% |
| Luftangriffe auf iranische Atomanlagen | 12.6.2025 | Laufend | Laufend |
| US-Iran-Angriffe | 28.2.2026 | Laufend | Laufend |
Quelle: Investopedia, Peter Gratton, LPL Financial
Häufig lagen die Kurse zum Zeitpunkt des Kriegsendes sogar deutlich über dem Niveau zu Beginn des Konflikts. Dauerte ein Konflikt länger als nur wenige Monate, verzeichnete der globale Aktienmarkt bis zum Ende des Krieges häufig deutliche Zugewinne – in vielen Fällen im zwei- oder sogar dreistelligen Prozentbereich. Selbst besonders lang andauernde militärische Auseinandersetzungen wie der Vietnamkrieg oder der Afghanistankrieg konnten den langfristigen Aufwärtstrend der weltweiten Aktienmärkte nicht nachhaltig bremsen.
Selbst im Zweiten Weltkrieg standen die Aktien am Ende des Krieges höher als zu Beginn im September 1939. Zwar kam es zunächst zu deutlichen Rückschlägen. Über den Zeitraum von Kriegsbeginn 1939 bis Ende 1942 lag die Gesamtrendite des Dow Jones zeitweise rund 30 % im Minus. Anschließend setzte jedoch eine kräftige Erholung ein: Von 1942 bis zum Kriegsende 1945 stieg der Markt um rund 87 %, sodass Aktien insgesamt klar höher notierten als zu Kriegsbeginn.
Auch die Wissenschaft stützt die These, dass Kriege nur geringen langfristigen Einfluss auf die Börsen haben. Eine der bekanntesten Studien stammt von Gerald Schneider und Vera Troeger (1) (2006). Die Autoren analysierten, wie internationale Aktienmärkte auf politische Konflikte in den 1990er-Jahren reagierten. Ihr Ergebnis: Konflikte führen zwar häufig zu kurzfristigen Kursbewegungen, langfristig bleiben die Effekte jedoch meist begrenzt. Auch die viel zitierte Studie „The Economic Effects of Violent Conflict“ von Guidolin und La Ferrara (2) kommt zu einem ähnlichen Schluss. In ihrer Analyse von über hundert Konflikten stellten die Autoren fest, dass Aktienmärkte erstaunlich widerstandsfähig reagieren und die durchschnittlichen Effekte auf die Renditen oft gering bleiben.
Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges bleiben für Aktien entscheidend
Untersuchungen der Marktentwicklung rund um militärische Konflikte zeigen: Entscheidend ist weniger der Krieg selbst, sondern die Frage, ob er eine Rezession auslöst oder verstärkt. Bleibt eine Rezession aus, entwickeln sich Aktienmärkte häufig überraschend robust. Der Grund ist einfach: Aktienmärkte bewerten langfristige Unternehmensgewinne – und diese hängen stärker von Inflation, Innovation, Produktivität und Wirtschaftswachstum ab als von geopolitischen Ereignissen.
Die eigentliche Sorge der Weltwirtschaft im Zusammenhang mit einem längeren Iran-Konflikt richtet sich weniger auf die iranische Volkswirtschaft selbst. Gemessen an der globalen Wirtschaftsleistung ist Iran für den Weltaktienmarkt weitgehend irrelevant. Der Anteil des Bruttoinlandproduktes des Iran an der Weltwirtschaft ist kleiner als 0,4 %. Der Güter- und Aktienmarkt im Iran hat international kaum Bedeutung mehr seit beide von der westlichen Welt mit Sanktionen belegt ist.
Entscheidend ist vielmehr die geopolitische Lage des Landes. Iran kontrolliert mit der Straße von Hormus einen der wichtigsten Energiekorridore der Welt. Rund 20 % des global gehandelten Öls sowie große Mengen Flüssiggas passieren diese Meerenge aus dem Persischen Golf. Eine Blockade oder auch nur eine ernsthafte Störung dieses Transportwegs würde unmittelbar zu einem Angebotsschock auf den Energiemärkten führen. Steigende Öl- und Gaspreise könnten wiederum die Inflation erneut anheizen. Genau darin liegt das eigentliche Risiko für die Weltwirtschaft: Höhere Inflation würde es den Zentralbanken erschweren, die Zinsen weiter zu senken. Bleiben die Finanzierungskosten hoch, könnte sich das globale Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamen oder zumindest stärker gebremst werden. Das ist ein ähnliches Szenario, wie wir nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges 2022 erlebt haben.
Ein gestreutes Aktienportfolio besitzt die Fähigkeit der Selbstheilung
Die gute Nachricht für alle rationalen Investoren: Ein breit gestreutes Portfolio bildet in der Regel auch jene Unternehmen ab, die von veränderten geopolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen profitieren. Steigende Energiepreise stärken beispielsweise westliche Energieunternehmen und den US-Dollar. Erhöhte Verteidigungsausgaben können Rüstungs- und Industrieunternehmen zugutekommen – ein Effekt, der zuletzt während des Ukraine-Kriegs gut zu beobachten war. Jetzt verstärkt auf diese Titel zu setzen ist allerdings nicht zu empfehlen. Zum einen, da die Folgen des Konflikts schon in die Kurse eingepreist sind. Zum anderen, weil ein plötzlicher Waffenstillstand oder Frieden in der Region genau diese hochgejubelten Kurse dann wieder gen Süden schicken würde.
Ein gutes Portfolio investiert also so breit, dass es in die Krisengewinner bereits vor dem Schockereignis investiert. Ein systematisch sauber diversifiziertes Aktienportfolio enthält automatisch Profiteure und Verlierer geopolitischer Veränderungen. Zudem sind Unternehmen wahnsinnig gut darin, sich auf neue wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen einzustellen. In der Systemtheorie wird der globale Aktienmarkt deshalb häufig als antifragiles System beschrieben: Ein System, das durch Stress und Schocks nicht nur widerstandsfähig bleibt, sondern sich langfristig sogar weiterentwickelt.
Für Anleger bedeutet das vor allem eines: Gelassenheit bewahren. Gerade in schwierigen Marktphasen ist die Versuchung groß, das Handtuch zu werfen. Doch wer während eines starken Kursrückgangs verkauft, nutzt einen Drawdown nicht zur Chance, sondern macht aus einem vorübergehenden Buchverlust häufig einen dauerhaften Verlust. Viele der größten langfristigen Renditen entstehen gerade in den Phasen nach großen Unsicherheiten – wenn sich die Lage stabilisiert und Märkte wieder Vertrauen fassen. Eine aktuelle Studie von Hirshleifer und Mai (2025) (3) zeigt, dass Zeiten erhöhter Kriegs- und Krisenrhetorik an den Märkten mit steigenden Risikoprämien einhergehen. Anleger verlangen in solchen Phasen höhere erwartete Renditen als Entschädigung für die wahrgenommene geopolitische Unsicherheit. Für langfristig orientierte Investoren bedeutet das im Umkehrschluss: Wer investiert bleibt, partizipiert genau an diesen erhöhten Risikoprämien, sobald sich die Lage normalisiert und die Unsicherheit wieder zurückgeht.
Ohne Streuung keine Erholung
Voraussetzung dafür bleibt allerdings ein solides Fundament im Portfolio. Entscheidend ist eine breite Streuung über Regionen, Branchen und Unternehmen. Nur dieses ausreichend diversifizierte Portfolio hat die strukturelle Fähigkeit, sich nach geopolitischen Schocks wieder zu erholen und neue Höchststände zu erreichen.
Wer dagegen stark auf einzelne Aktien, Länder oder Themen setzt oder versucht, durch Markttiming besonders klug zu agieren, erhöht sein Risiko erheblich. Einzelwerte können dauerhaft hinter dem Markt zurückbleiben oder im Extremfall sogar vollständig ausfallen. Ein global gestreuter Aktienmarkt (und ETFs darauf) kann sich hingegen immer wieder neu zusammensetzen – schwache Unternehmen verschwinden, erfolgreiche wachsen nach.
Gleichzeitig sollten Anleger ehrlich zu sich selbst sein, was ihre persönliche Risikotragfähigkeit betrifft. Aktienmärkte können zwischenzeitlich deutliche Rückgänge verzeichnen. Historisch sind maximale Rückgänge von 50 % oder mehr keine Seltenheit. Wer solche Schwankungen emotional oder finanziell nicht aushalten kann, sollte seine strategische Aktienquote überdenken.
In diesem Fall kann es sinnvoll sein, die Aktienallokation um risikoärmere Bausteine wie hochwertige Anleihen oder weitere krisenfestere Anlageklassen wie Gold zu ergänzen. Ziel ist nicht, Schwankungen vollständig zu vermeiden, das ist bei langfristigem Vermögensaufbau ohnehin unrealistisch. Ziel ist vielmehr eine Portfoliostruktur, die auch in schwierigen Marktphasen durchgehalten werden kann. Denn genau das ist letztlich die wichtigste Voraussetzung für langfristigen Anlageerfolg: investiert bleiben.