Aktive ETFs: Der Begriff klingt erstmal als hätte ein finanzaffiner Deutschlehrer in der achten Klasse ein Beispiel für das Stilmittel Oxymoron gesucht. Das Oxymoron beschreibt das rhetorische Mittel, wenn zwei scheinbar widersprüchliche Begriffe zu einer Einheit verbunden werden. Bekanntere Beispiele sind sicherlich „bittersüß“ oder die „Eile mit Weile“. Das Stilmittel wird sprachlich eingesetzt, um kurz zu irritieren und dadurch Aufmerksamkeit zu generieren.
Und diese Aufmerksamkeit bekommt diese recht junge Produktgattung heute von uns. Vereinen aktive ETFs wirklich das Beste aus zwei Welten? Also die breite Streuung, günstigen Gebühren und bessere Handelbarkeit eines ETFs und das Risikomanagement und die vermeintliche Outperformance eines aktiven Fonds? Und brauche ich als Privatanleger aktive ETFs in meinem Depot?
Harmonie der Gegensätze
Der Begriff aktive ETFs scheint deshalb so widersprüchlich, weil Exchange Traded Funds (ETFs) als Sinnbild für das passive Investieren gelten. Dabei kaufen Anleger eine Gesamtheit von Wertpapieren – meist in Form eines Index – und halten diese Titel dann langfristig. Beim aktiven Investieren hingegen versuchen Investoren durch das Über- oder Untergewichten von Wertpapieren (Stock-Picking) oder die Nutzung verschiedener Ein- und Ausstiegszeitpunkte eine Mehrrendite zu generieren. Zwischen den Anhängern dieser beiden Investmentansätze tobt seit Jahrzehnten eine erbitterte Fehde. Die Schärfe der Debatte rührt daher, dass beide Lager ihre Haltung nicht nur als Strategie, sondern als grundsätzliche Überzeugung und Geschäftsmodell verteidigen.
Wie funktioniert ein aktiver ETF?
Ein aktiver ETF kombiniert die Grundstruktur eines klassischen ETFs – also die Handelbarkeit an der Börse, die Transparenz und in der Regel niedrigere Kosten im Vergleich zu traditionellen Fonds – mit einem aktiven Managementansatz. Das bedeutet: Das Portfoliomanagement-Team entscheidet eigenständig, welche Titel ins Portfolio aufgenommen oder ausgeschlossen werden, um eine bestimmte Strategie umzusetzen. Ziel ist es meist, den Vergleichsindex zu übertreffen oder spezifische Anlagekriterien – etwa Nachhaltigkeit oder fundamentale Bewertungsfaktoren – stärker zu gewichten.
Im Gegensatz zu passiven ETFs, die einen Index eins zu eins abbilden, folgen aktive ETFs keinem starren Regelwerk. Viele nutzen zwar einen Index wie z. B. dem S&P 500 als Orientierung, setzen aber zusätzliche Filter, Gewichtungen oder Selektionsverfahren ein. Diese können rein quantitativ sein, aber auch qualitative Research-Ergebnisse von Analysten berücksichtigen. So können zum Beispiel ESG-Kriterien, Value-Ansätze oder eine gezielte Branchen- und Titelauswahl zur Anwendung kommen. Anleger erhalten dadurch ein Produkt, das wie ein ETF handelbar und transparent ist, aber inhaltlich näher an einem aktiv gemanagten Fonds liegt.
In Deutschland wächst das Angebot: 2024 kamen mehr als 80 neue aktive ETFs hinzu, im ersten Halbjahr 2025 bereits über 75 weitere. Am populärsten sind dabei sicherlich sogenannte Enhanced Strategien. Diese ETFs bilden in erster Linie die regionale, sektorale und stilistische Allokation eines Index – beispielsweise des S&P500 – nach. Innerhalb dieser Allokation werden dann aber einzelne Unternehmen auf Basis ihrer Fundamentaldaten über- oder untergewichtet. Das Ziel ist es, durch diese Beeinflussung eine leichte Outperformance gegenüber dem Referenzindex zu erzielen. Große Namen wie JP Morgan dominieren hier derzeit das Feld deutlich.
Wichtig ist dabei, die Grauzonen im Markt zu erkennen: Zwischen streng passiven Indexfonds und vollständig aktiven Strategien existiert eine breite Palette an Mischformen. Gerade Faktor-ETFs oder regelbasierte Strategien zeigen, dass die Grenzen verschwimmen und Anleger genau hinschauen müssen, welchen Ansatz sie tatsächlich kaufen. Entscheidend bleibt die Frage, ob der Mehrwert – sei es durch Nachhaltigkeitscreens, fundamentale Kriterien oder selektive Titelauswahl – die zusätzliche Kosten und das potenzielle Abweichen vom Index rechtfertigt.
Cui Bono? Wer profitiert?
Grundsätzlich stehen wir der Entwicklung aktiver ETFs positiv gegenüber. Denn Investoren bieten sie in erster Linie einen kostengünstigeren Zugang zu aktivem Management, welches in unseren Augen und in Teilen noch immer seine Daseinsberechtigung hat. Während klassische Investmentfonds oft Gebühren zwischen 1,0 und 2,0 % verlangen, liegen aktive ETFs im Bereich von 0,20 bis 0,9 % pro Jahr – leicht oberhalb der passiven ETFs. Die Kosten sind unter anderem dadurch geringer, dass die Produkte auch keine Innenprovisionen für Finanzvertriebe beinhalten. Zudem birgt die Börsennotierung Vorteile in der Handelbarkeit. Während aktive Fonds einige Tage für die Abwicklung benötigen, sind ETFs taggleich gebucht und oft auch valutiert. Anleger kommen so schneller an ihr Geld.
Vorsicht ist hingegen – wie immer – vor der Finanzindustrie geboten. In den USA sind laut dem US-Analysehaus Bloomberg mittlerweile mehr aktive ETFs am Markt als passive. Und das hat einen Grund! Denn vorrangig aktive Fondshäuser buhlen mit der positiv konnotierten Bezeichnung ETF um die Gelder von Investoren, die in den letzten Jahren vermehrt passive Indexfonds aufgesucht haben. ETF ist sexy und bleibt es auch erstmal! Die aktiven Exemplare unter ihnen haben für die Asset-Management Firmen noch immer eine höhere Marge als die passiven Indexfonds, die oftmals für wenige Basispunkte zu haben sind. Auch die Listung und Abwicklung ist durch die Börsennotierung leichter geworden – somit können die Produkte gleich einer größeren Masse zugänglich gemacht werden.
Brauche ich aktive ETFs im Depot?
Kommt drauf an. An die Geschichte einer langfristigen Outperformance von aktiven ETFs gegenüber ihren passiven Geschwistern glauben wir bei Der Finanz Berater noch nicht. Denn mit jeder Abweichung vom Index (fachlich: der Ausweitung des Tracking Errors) steigt neben der Wahrscheinlichkeit der Outperformance auch die Wahrscheinlichkeit der Underperformance an. Letztere liegt sogar noch höher, denn die höheren Kosten aktiver ETFs müssen langfristig auch erstmal reinverdient werden. Daten für die Outperformance von aktiven ETFs gegenüber normalen ETFs gibt es zudem bisher nicht in ausreichender Weise, besonders für den europäischen Markt. Je nachdem, welcher aktive ETF zum Vergleich herangezogen wird, lassen sich für beide Seiten positive Fälle aufzeigen, wo der passive oder auch der aktive Ansatz die Nase vorn hat.
Wir setzen aktive ETFs oder Indexfonds dennoch selektiv ein. Und zwar vor allem, wenn es um das Management von Risiken geht. Sie können nämlich klassische Nachteile von passiven Indexinvestments – z.B. Klumpenrisiken in Regionen oder Einzeltitel oder eine gewisse Bewertungsdisziplin – adressieren. Zudem gibt es Anlagebereiche, in denen aktives Research weiter seinen Mehrwert besitzt. Beispielsweise bei der Bewertung der Bonität von Unternehmen, die Hochzinsanleihen (sog. High-Yield-Bonds) ausgeben. Mittels solcher aktiven Strategien lässt sich ein klassisches Weltportfolio, welches wir gerne mittels passiver ETFs aufbauen, mit entsprechender Stilistik (z.B. Regionengewichtungen, Größe der Unternehmen oder Faktoren wie Verschuldung oder Profitabilität) sinnvoll ergänzen.
Unser Fazit: Aktive ETFs sind nicht der heilige Gral des Investierens! Aber sie sind auch kein rein leeres Versprechen. Sie stehen für eine Weiterentwicklung des aktiven Fondsmarktes – günstiger, transparenter und flexibler als klassische aktive Produkte. Wer sie wirklich versteht, klug und maßvoll einsetzt, kann seinem Depot damit ein stilistisches Plus und mehr Risikomanagement verpassen. Wer dagegen glaubt, sie würden die Logik der Märkte aushebeln, passives Investieren ablösen und das aktive auf ein neues Level heben, der überschätzt ihre Magie.