Seit unser Münchner Büro letztes Jahr an die Theresienwiese gezogen ist, brauchen wir keinen Kalender mehr, um die fünfte Münchner Jahreszeit zu bestimmen. „O’zapft is“ in München! Der süße Duft nach gebrannten Mandeln, das Kreischen aus den Fahrgeschäften und der ein oder andere müde Tourist neben dem Hauseingang erinnern uns derzeit täglich an das Wiesn-Spektakel vor der Tür.
Mit der Volksfestfreude kommt – wie jedes Jahr – die große Debatte über den Bierpreis. Die Maß Festbier kostet in diesem Jahr zwischen 14,80 und 15,90 Euro. Wer mit der Familie auf die Wiesn geht, zwei Maß trinkt, dazu ein halbes Hendl und eine Brezn isst und eine Runde Riesenrad dreht ist schnell 200 Euro los. Und wer glaubt, mit Wasser günstiger davonzukommen: Der Liter Tafelwasser kostet auf dem Oktoberfest im Schnitt 11,13 Euro.
Für uns als Vermögensverwalter ist der Wiesnbesuch vor dem Fenster aber vor allem eines: ein sehr anschauliches Inflationsbarometer!
Die Bierpreisinflation: 3,9 % pro Jahr seit 1950
Wir haben uns den Spaß gemacht, die Preisentwicklung der Maß einmal nachzurechnen. Über alle Festzelte hinweg kostet die Maß in diesem Jahr durchschnittlich 15,61 Euro, nach 15,25 Euro im Vorjahr. Das entspricht einer Preissteigerung von 2,38 %. Über 76 Jahre gerechnet liegt die durchschnittliche Preissteigerung bei rund 3,9 % pro Jahr. Einen besonders kräftigen Schluck aus der Preispulle gab es nach der Corona-Pause: Zwischen 2019 und 2022 stieg der
Durchschnittspreis um rund 15,5 %.
Natürlich ist die Maß kein repräsentativer Warenkorb. Seit 2004 sind die Wiesnpreise mit wenigen Ausnahmen deutlich stärker gestiegen als die Verbraucherpreise für Bier allgemein. Und auch die allgemeine Inflationsrate in Deutschland lag seit 1950 mit durchschnittlich rund 2,5 % pro Jahr spürbar darunter. Doch für die Münchner bleibt der Wiesnbesuch dann doch ein Stück Lebensqualität, die man sich gerne gönnt. Und letztlich geht es doch beim Kaufkrafterhalt genau darum: Sich die schönen Dinge des Lebens dauerhaft zu leisten zu können.
3,3 % – die Inflationsdynamik ist nicht nur auf dem Oktoberfest hoch
Nach dem allgemeinen Inflationsschock der Jahre 2022 mit 6,9 % und 2023 mit 5,9 % schien sich die Lage 2024 mit 2,2 % wieder zu normalisieren. Doch in diesem Jahr ziehen die Verbraucherpreise erneut an. Die jüngsten Inflationszahlen vom September weisen eine Preissteigerung von 3,3 % aus!
Haupttreiber sind sicherlich die Energiepreise, die im September dank des Irankonfliktes um 14,9 % über dem Vorjahresniveau lagen. Besonders deutlich zeigt sich das an der Zapfsäule. Die gute Nachricht: Die Kerninflation, also die Teuerung ohne Energie und Nahrungsmittel, liegt derzeit mit 2,4 % noch deutlich darunter. Kehren wir irgendwann in die Welt der 2010er-Jahre mit Inflationsraten von 1 bis 1,5 % zurück? Vieles spricht derzeit dagegen.
Warum die Inflation strukturell höher bleiben dürfte
Kurzfristige Ausschläge wie aktuell bei den Energiepreisen kommen und gehen. Neben temporären Effekten sehen Ökonomen jedoch einige strukturelle Kräfte, die dafür sprechen, dass das Preisniveau in den kommenden Jahren eher schneller steigen könnte als im vergangenen Jahrzehnt:
- Demografie: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, das
Erwerbspersonenpotenzial schrumpft. Fachkräfte werden knapper, und knappe Arbeit wird teurer. Höhere Löhne landen früher oder später in den Preisen, besonders bei personalintensiven Dienstleistungen. - Staatsverschuldung: Die Schuldenstände vieler Industrieländer sind hoch, und auch Deutschland hat mit milliardenschweren Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung seine fiskalische Zurückhaltung aufgegeben. Für hoch verschuldete Staaten ist eine etwas höhere Inflation durchaus bequem, denn sie entwertet die Schulden real.
- Geopolitische Konflikte: Der Krieg im Iran zeigt gerade eindrücklich, wie schnell sich Konflikte über die Energiepreise im Portemonnaie bemerkbar machen. Hinzu kommen steigende Verteidigungsausgaben, die Kapazitäten binden, ohne das Angebot an Konsumgütern zu erhöhen.
- Deglobalisierung: Über Jahrzehnte hat die globale Arbeitsteilung Waren immer günstiger gemacht. Zölle, Handelskonflikte und die Rückverlagerung von Produktion kehren diesen Effekt teilweise um. Wer Lieferketten auf Sicherheit statt auf Kosten optimiert, zahlt dafür einen Preis.
- Energiewende: Der Umbau der Energieversorgung und steigende CO2-Preise sind langfristig richtig, verursachen auf dem Weg dorthin aber zusätzliche Kosten.
Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch Gegenkräfte. Produktivitätsgewinne durch künstliche Intelligenz könnten die Preise dämpfen, und die Notenbanken haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass sie reagieren. Wir wollen keine Angst vor einer Hyperinflation schüren. Das Grundszenario ist unspektakulär, aber folgenreich: Inflationsraten eher im Bereich von 2,5 bis 3 % als von 1 bis 1,5 %. Klingt harmlos, doch bei knapp 3 % Inflation halbiert sich die Kaufkraft eines Euros in rund 25 Jahren.
Wer nichts riskiert, verliert sicher!
Was bedeutet das für Anleger? Der wichtigste Punkt zuerst: Die Inflation liegt derzeit höher als die Leitzinsen. Die Europäische Zentralbank hat am 10. September zwar zum zweiten Mal in diesem Jahr die Zinsen erhöht, der Einlagensatz liegt seit dem 16. September aber bei gerade einmal 2,50 %. Das ist weniger als die 3,3 % Inflation in Deutschland! Und da die Notenbank ihre Zinsen erfahrungsgemäß eher zögerlich anhebt, um die Konjunktur und die hoch verschuldeten Staatshaushalte nicht abzuwürgen rechnen wir damit, dass diese Lücke eher der Normalfall als die Ausnahme bleibt.
Diese Lücke hat unmittelbare Folgen für alle kurzfristigen Anlagen. Tagesgeld, Festgeld und Geldmarktfonds orientieren sich am Einlagensatz der EZB und bringen in der Spitze etwa 2,5 %. Nach Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag bleiben davon rund 1,8 % übrig. Gegenüber der aktuellen Inflation verliert das Geld damit jedes Jahr rund 1 % an Kaufkraft, gegenüber der langfristigen Bierpreisinflation sogar rund 2 %.
Rechnen wir das einmal in Maß um: Für 1.000 Euro bekommt man auf der Wiesn heute rund 64 Maß. Legt man das Geld zu 2,5 % aufs Tagesgeld, werden daraus nach Steuern in 20 Jahren rund 1.440 Euro. Steigt der Bierpreis weiter mit 3,9 % pro Jahr, kostet die Maß 2046 rund 33 Euro. Das Geld reicht dann nur noch für gut 43 Maß. Ein Drittel des Festzeltvergnügens ist still und leise verdunstet!
Genau das ist die Tücke. Kurzfristige Anlagen fühlen sich sicher an, weil ihr Nominalwert nicht schwankt. Tatsächlich tauschen Sparer aber ein sichtbares Risiko gegen ein unsichtbares ein: den nahezu garantierten Verlust an Kaufkraft. Wer sein Vermögen langfristig über die Zeit bringen will, muss deshalb bewusst rationale Risiken eingehen, um Renditen oberhalb der Inflationsrate zu erzielen. Die Frage ist also nicht, ob man Risiken eingeht, sondern welche.
Sachwerte statt Nominalwerte
In erster Linie sind das Sachwerte, und unter den Sachwerten vor allem Aktien. Der Grund lässt sich direkt auf der Wiesn beobachten: Die Festwirte und Brauereien geben ihre gestiegenen Kosten für Personal, Energie und Pacht an uns Gäste weiter. Genau das gelingt auch vielen börsennotierten Unternehmen. Umsätze und Gewinne sind nominale Größen und wachsen mit dem Preisniveau mit. Als Aktionär ist man damit nicht nur derjenige, der die höheren Preise bezahlt, sondern auch derjenige, der an ihnen mitverdient. Besonders gut gelingt das Unternehmen mit starken Marken und hoher Profitabilität, also genau jenen Qualitätsunternehmen, die wir in Portfolios höher gewichten.
Ehrlicherweise gehört aber auch dazu: Kurzfristig sind Aktien kein perfekter Inflationsschutz. Im Inflationsjahr 2022 fielen die Kurse deutlich, weil steigende Zinsen die Bewertungen drückten. Ihre Stärke als Kaufkraftschutz spielen Aktien langfristig aus, nicht über Monate.
Eine sinnvolle Ergänzung im inflationären Umfeld sind zudem Rohstoffe, insbesondere eine Beimischung von Edelmetallen wie Gold. Gerade bei Angebotsschocks, wie wir sie derzeit bei der Energie erleben, entwickeln sich Rohstoffe oft dann gut, wenn Aktien und Anleihen gleichzeitig unter Druck geraten. Genau darin liegt ihr Wert als Inflationshedge im Portfolio. Da Rohstoffe und Gold aber keine laufenden Erträge wie Dividenden oder Zinsen abwerfen und selbst erheblich schwanken, sehen wir sie als Beimischung und nicht als Kern eines Portfolios.
Auch auf der Anleihenseite gilt: Mit dem Geldmarkt allein ist es nicht getan. Wer sein Geld nur kurzfristig parkt, erhält im Kern den Einlagensatz der EZB und damit, wie oben gezeigt, derzeit eine Rendite unterhalb der Inflation. Wie bei Aktien lohnt es sich deshalb auch bei Anleihen, bewusst langfristige Risikoprämien einzusammeln: eine Prämie für Bonität, also für das Ausfallrisiko des Schuldners, und eine Prämie für Laufzeit, also dafür, sein Geld länger zu binden. Beide sorgen dafür, dass Anleihen über die Zeit mehr abwerfen als das Tagesgeld. In diesem Umfeld setzen wir dabei insbesondere auf zwei Bausteine: Unternehmensanleihen solider Emittenten, deren zusätzlicher Kupon einen Puffer gegenüber der Teuerung schafft, sowie inflationsindexierte Anleihen, bei denen die Kuponzahlungen an die Entwicklung der
Verbraucherpreise gekoppelt sind. Letztere wirken wie eine Versicherung, mit der das Portfolio auch gegen eine unerwartet hohe Inflation gewappnet ist. Mehr dazu in unserer letzten Ausgabe.
Fazit: Um die Kaufkraft Ihres Geldes richtig zu konservieren, reicht derzeit eine sichere Anlage nicht aus. Um Renditen über der Inflation zu erzielen, müssen Sie als Anleger rationale Risiken eingehen. Am besten eignet sich dafür ein klug strukturiertes, aktienorientiertes Portfolio – damit schmeckt die Maß Bier auch in den nächsten Jahren. In diesem Sinne: Prost!
Quellen: Landeshauptstadt München, Referat für Arbeit und Wirtschaft (2026): Oktoberfest 2026, Bier-, Limonaden- und Tafelwasserpreise; Statista (2024): Veränderung der Bierpreise auf dem Oktoberfest gegenüber dem Vorjahr; Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 320 vom 10. September 2026: Inflationsrate im August 2026 bei +2,9 %; Deutsche Bundesbank: Harmonisierter Verbraucherpreisindex; Europäische Zentralbank, geldpolitischer Beschluss vom 10. September 2026. Eigene Berechnungen: Umrechnung 1,95583 D-Mark je Euro; Tagesgeldbeispiel mit 2,5 % Zins, Abgeltungsteuer inkl. Solidaritätszuschlag von 26,375 % ohne Berücksichtigung des Sparerpauschbetrags und der Kirchensteuer. Das in diesem Artikel verwendete Bild wurde mithilfe von Künstlicher Intelligenz generiert und dient ausschließlich der visuellen Illustration.