Wir möchten uns heute einer Anlageklasse widmen, die bei den meisten Privatanlegern erstaunlich wenig Aufmerksamkeit (vielleicht sogar Ablehnung) erfährt: Anleihen. Wenn dieser Anlagebereich von unseren Kunden und Interessenten angesprochen wird, dann geht es vorwiegend um Grundsätzliches, so die Frage wie festverzinsliche Anlagen überhaupt funktionieren. Und warum sie diese Anlageklasse überhaupt im Depot brauchen.
Das ist insofern nachvollziehbar, da gerade mit klassischen Anleihen guter Bonität und mit längeren Laufzeiten in den letzten Jahren nicht wirklich etwas zu verdienen war. Und auch über die meisten langfristigen Zeiträume bleibt die Rendite von Anleihen hinter der von Aktien zurück. Gerade risikoaffine Investoren mit langen Anlagehorizonten tendieren daher gerne zu einem einhundertprozentigen Aktienportfolio und mischen bei kurzfristigem Kapitalbedarf etwas Liquidität (z. B. Geldmarktfonds oder Tagesgelder) hinzu.
Hinzu kommen jüngst die Sorgen, ob man westlichen Ländern im Lichte der zunehmenden Staatsverschuldung überhaupt noch Geld leihen sollte. Schließlich wird die Refinanzierung der Schulden und die Bedienung laufender Zinszahlungen für die Staaten zunehmend herausfordernd. Die USA zum Beispiel müssen für ihre über 40 Billionen US-Dollar Schulden derzeit ungefähr drei Milliarden US-Dollar Zinsen zahlen – täglich! Um dieser Schuldenlast Herr zu werden, gibt es nur wenige Optionen. Die beste: Wirtschaftswachstum verbunden mit einem höheren Haushaltsüberschuss. Höhere Steuern und/oder geringere Staatsausgaben sind das anlegerfreundlichste Mittel zur Entschuldung. Die schlechteste: einen Schuldenschnitt. Das heißt, der Emittent bedient fällige Anleihen nicht oder nur teilweise. Drittens, die derzeit realistischste Option: die Weginflationierung. Wenn man für Geld weniger kaufen kann, sind auch die Schulden günstiger.
Taugen Anleihen also noch um die Kaufkraft des eigenen Vermögens ohne allzu viel Risiko über die Zeit zu bringen? Immerhin beträgt die Inflation in Deutschland heute 2,9 %. Um diese Frage beantworten zu können, hilft es zu verstehen, wie Anleihen überhaupt funktionieren. Denn ja, die Mechanismen sind etwas sperriger als bei Aktien.
Im Kern ist eine Anleihe ein Kredit.
Ein Investor leiht einem Emittenten Geld, etwa einem Staat, einem Unternehmen oder einer anderen Institution. Im Gegenzug erhält er regelmäßig Zinsen, den Kupon. Am Ende der Laufzeit bekommt der Investor sein eingesetztes Kapital zurück. Das unterscheidet Anleihen grundlegend von Aktien. Wer eine Aktie kauft, erwirbt einen Anteil an einem Unternehmen und seinen Gewinnen, ohne garantierte Rückzahlung, dafür mit theoretisch unbegrenztem Potenzial nach oben. Bei einer Anleihe steht die Kalkulation dagegen vom ersten Tag an fest. Der Anleger weiß, wie viel Kupon er jedes Jahr erhält. Und er weiß, was er am Ende zurückbekommen wird. Wichtig ist die Rangfolge im Insolvenzfall. Anleihegläubiger werden vor den Aktionären bedient. Die Planbarkeit und diese Bevorzugung bei Insolvenzen sind das ökonomische Prinzip, warum Anleiherenditen langfristig geringer sein müssen als Aktienrenditen.
In einer perfekten Welt ist Anleiheinvestment einfach. Sie kaufen eine Anleihe zu 1.000 Euro, kassieren jedes Jahr Ihren Kupon und erhalten am Ende Ihre 1.000 Euro zurück. Die Realität sieht anders aus. Anleihekurse schwanken – teils erheblich. Der wichtigste Treiber dahinter ist der Zins. Ein Beispiel. Sie kaufen heute eine Anleihe zu 1.000 Euro. Sie hat einen Kupon von 3 % und zehn Jahre Laufzeit. Sie erhalten also 30 Euro pro Jahr, plus 1.000 Euro am Ende. Nun steigt der Marktzins. Ein Jahr später werden vergleichbare neue Anleihen mit 4 % begeben. Ihre alte Anleihe mit 3 % wirkt für Käufer plötzlich unattraktiv. Warum sollte jemand 1.000 Euro für 30 Euro Zins zahlen, wenn er am Markt 40 Euro bekommt? Der Kurs Ihrer Anleihe fällt so weit, bis ihre Rendite bis zur Fälligkeit wieder rund 4 % beträgt. In unserem Beispiel liegt der neue Kurs bei etwa 926 Euro. Merke: Steigen die Zinsen, fallen die Anleihekurse. Fallen die Zinsen, steigen die Kurse. Wie stark ein Kurs auf Zinsänderungen reagiert, misst die sogenannte Duration. Je länger die Laufzeit und je niedriger der Kupon, desto höher die Duration und desto empfindlicher der Kurs. Eine zehnjährige Staatsanleihe mit 4 % Kupon hat grob eine Duration von 8. Das bedeutet vereinfacht: Steigt der Zins um 1 %, fällt der Kurs um rund 8 %. Und umgekehrt.
Im Kern ist damit die schwache Performance von Anleihen in den letzten Jahren erklärbar. Im Jahr 2022 verloren langlaufende Staatsanleihen zwischen 15 und 25 % an Wert, als die Notenbanken die Zinsen nach Jahren der Nullzinspolitik anhoben. Zwar sind die Zinsen seit ihren Hochs in den Jahren 2023 und 2024 wieder etwas gefallen. Doch Anleger hegen – gerade seit dem Iran-Konflikt und steigenden Energiepreisen – weiter Zweifel daran, dass die Notenbanken das Zwei-Prozent-Inflationsziel mittelfristig halten können. Sie preisen, wie bei Aktien auch, die Erwartung ein, dass die Notenbanken zum Bekämpfen der Inflation die Leitzinsen erhöhen. Und diese Erwartung wirkt sich negativ auf die Kurse bestehender Anleihen aus. Zum Glück ergibt sich daraus auch ein positiver Nebeneffekt. Die Renditen bestehender Anleihen steigen mit den Kursverlusten: Eine 10-jährige US-Anleihe bringt in US-Dollar gerade 5 % Rendite, ihr deutsches Pendant kommt auf 3,5 % jährlich. Damit gelingt, Stand heute, der Kaufkrafterhalt, da die Rendite über der Inflationsrate liegt. Investoren verlangen für Unsicherheit schlicht eine höhere Inflations- und Kreditprämie.
Anleiherendite = Marktzins + Risikoprämien
Wer eine Anleihe kauft (egal welche), erhält zunächst den Marktzins, den sogenannten risikofreien Zins. Das ist der Preis für Geld, den letztlich die Notenbanken über ihre Leitzinsen setzen. Diesen Zins bekommt man bereits für eine praktisch risikofreie, kurz laufende Staatsanleihe erstklassiger Bonität. Alles, was darüber hinausgeht, ist eine Prämie für zusätzliches Risiko. Vier dieser Prämien sind besonders wichtig.
Erstens die Laufzeitprämie. Wer sein Geld länger verleiht, verlangt in der Regel einen Aufschlag. Denn über eine lange Laufzeit kann viel passieren, allen voran steigende Zinsen, die den Kurs drücken. Beispiel: Eine zehnjährige Bundesanleihe bietet üblicherweise eine höhere Rendite als eine zweijährige. Der Anleger wird für das oben erläuterte, höhere Zinsänderungsrisiko entschädigt.
Zweitens die Ausfallprämie, oft Bonitäts- oder Kreditprämie genannt. Ein Staat oder ein Unternehmen kann in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Je höher dieses Risiko, desto höher der Zinsaufschlag, den der Markt verlangt. Diesen Aufschlag nennt man Kreditaufschlag (Spread). Beispiel: Eine Anleihe eines soliden Unternehmens wie Siemens rentiert höher als eine Bundesanleihe gleicher Laufzeit. Eine Hochzinsanleihe (High-Yield) eines schwächeren Unternehmens rentiert noch einmal deutlich höher. Das Gleiche gilt für Staaten. Eine Anleihe eines Schwellenlandes zahlt mehr als eine der Bundesrepublik Deutschland.
Drittens die Inflationsprämie. Inflation entwertet künftige Zahlungen. Deshalb verlangen Anleger für die erwartete Geldentwertung einen Ausgleich, der bereits im nominalen Zins steckt. Steigen die Inflationserwartungen, steigen also die geforderten Renditen. Ein Sonderfall sind inflationsgeschützte Anleihen. Bei ihnen wird der Rückzahlungsbetrag an die Inflation gekoppelt. Sie bieten in normalen Zeiten weniger Rendite, schützen aber, wenn die Inflation höher ausfällt als erwartet.
Viertens die Illiquiditätsprämie. Nicht jede Anleihe lässt sich jederzeit einfach handeln. Für schwer handelbare Papiere, etwa kleine Emissionen oder komplexe, strukturierte Kredite, verlangen Anleger einen Aufschlag. Sie werden dafür entlohnt, dass sie im Zweifel nicht schnell wieder aussteigen können. Übrigens: Die meisten Einzelanleihen handeln in großen Stückelungen, zum Beispiel 100.000 Euro. Das macht es für die meisten Privatanleger beinahe unmöglich ein gut gestreutes Anleiheportfolio mit Einzeltiteln aufzubauen. Besser man greift zu Anleihefonds und -ETFs. Diese bieten für recht geringe laufende Kosten von 0,1 – 1,0 % einen sehr guten Marktzugang.
Renditebestandteile von Anleihen
Wir sind überzeugt, dass es auch am Anleihemarkt keinen „Free Lunch“ gibt. Alle Marktteilnehmer zusammen sind sehr gut darin, Risiken und Erwartungen richtig einzupreisen – und das gilt für den Anleihemarkt genauso wie für den Aktienmarkt, denn nach Volumen ist dieser mindestens ebenso groß. Es hat also wenig Sinn, ständig zu versuchen „schlauer als der Rest zu sein“ und beispielsweise langlaufende Anleihen zu verkaufen bevor die Zinsen steigen. (Siehe dazu auch unseren Artikel: Das Märchen der Prognostizierbarkeit von Zinsen | Der Finanz Berater). Vielmehr investieren wir für unsere Kunden gerne so, dass wir möglichst viele dieser Risikoaufschläge abdecken und die dafür ausgelobte Prämie sauber vereinnahmen.
Welche Rolle Anleihen im Portfolio spielen
Kommen wir zur eigentlichen Frage. Braucht man Anleihen im Portfolio? Wenn Sie einen Anlagehorizont von 30 Jahren und mehr haben, keinerlei laufende Entnahmen benötigen und einen Kurssturz von 50 % ohne nervös zu werden (und das ist deutlich schwieriger als es klingt) aussitzen können, dann ist ein reines Aktienportfolio vertretbar. Auf viele jüngere Anleger im Vermögensaufbau trifft das vielleicht zu. Auf die meisten unserer Kunden trifft es eher nicht zu. Und dafür gibt es gute Gründe.
Der erste ist der Schutz vor großen Verlusten. Ein reines Aktienportfolio verlor 2022 rund 20 % und in den Jahren 2008 bis 2009 fast 50 %. Anleihen, besonders solche mit hoher Bonität und kurzer Laufzeit, dämpfen solche Rückschläge. Und die Mathematik der Erholung ist unerbittlich. Ein Portfolio, das 40 % verliert, muss anschließend 67 % zulegen, nur um wieder bei null zu sein. Ein Portfolio, das 20 % verliert, braucht dafür lediglich 25 %. Flachere Rückschläge erholen sich also besser, als es die reinen Renditezahlen vermuten lassen.
Der zweite Grund ist der Rebalancing-Effekt. Ein gemischtes Portfolio aus Aktien und Anleihen erzeugt eine natürliche Disziplin. Man verkauft, was gestiegen ist, und kauft, was gefallen ist. Als die Aktienmärkte im Frühjahr 2020 einbrachen, kaufte ein diszipliniert ausbalanciertes Portfolio automatisch Aktien nahe dem Tiefpunkt. Dieser Vorteil taucht in keinem einfachen Renditevergleich auf, summiert sich über die Zeit aber spürbar.
Der dritte Grund wird oft übersehen. Anleihen bedeuten längst nicht mehr automatisch niedrige Renditen. Nach der Zinswende bringen Anleihen wieder auskömmliche Zinsen. Die Zeiten, in denen man für zehnjährige Bundesanleihen faktisch nichts oder sogar einen negativen Zins bekam, sind vorbei. Ein solide verzinstes Anleiheportfolio ist heute wieder ein ernstzunehmender Ertragsbaustein und nicht nur eine defensive Beigabe. In den vergangenen Jahren haben insbesondere Hochzins (High-Yield)- und Schwellenländeranleihen durchaus aktienähnliche Renditen von 4 bis 6 % pro Jahr erzielt. Und auch für Anleihen guter Qualität (Investment-Grade) bekommen Anleger heute schnell über 4 % Rendite.
Hinzu kommt ein vierter Punkt. Anleihen stellen eine eigene Anlageklasse dar, die weniger stark mit Aktien, Immobilien und Edelmetallen korreliert. Genau diese Eigenschaften suchen wir als Portfoliomanager. Sie liefern einen guten Diversifikationsbeitrag und eignen sich damit gut um die risikoadjustierte Rendite eines Depots zu verbessern. Zudem kann man mit keiner Anlageklasse erwartete Renditen so gut steuern und Risiken bewusst reduzieren. Unsere Kernaufgabe, eine Zielrendite bei möglichst geringem Risiko zu erwirtschaften, könnten wir ohne Anleihen kaum erfüllen.
Fazit
Es kann im Angesicht der derzeitigen Lage im Nahen Osten und der angespannten Haushaltssituation westlicher Länder durchaus passieren, dass die Inflation und die Zinsen weiter ansteigen. Doch aus diesem Grund eine ganze Anlageklasse auszuschließen, halten wir für fahrlässig. Vor allem für all jene Anleger, die einen Crash von über 50 % am Aktienmarkt weder emotional noch wirtschaftlich verkraften. Und das sind, seien wir ehrlich, die allermeisten. Zum anderen aus rein portfoliotheoretischer Sicht, weil Anleihen die risikoadjustierte Rendite eines Portfolios verbessern können. Zu groß ist die Gefahr die Korrelationsvorteile, die Absicherungswirkung in Krisen sowie die laufenden Zinseinnahmen nicht zu nutzen.
Dennoch sollte auch ein Anleiheinvestment klug durchdacht sein und Risiken sauber adressieren. Wir sind überzeugt, dass ein Anleiheportfolio aus einer Mischung qualitativ hochwertiger Staats- und Unternehmensanleihen mit kurzer bis mittlerer Laufzeit aufgebaut werden sollte. Ein üblicher in Euro notierender und währungsgesicherter ETF bietet hier einen guten Marktzugang. In unseren Vermögensverwaltungsstrategien ergänzen wir zudem einige aktiv verwaltete Satelliten, die das Portfolio aus unserer Sicht resilienter und rentierlicher werden lassen. Unter anderem sind das europäische Pfandbriefe, also Bankanleihen, die durch physische Vermögenswerte (z. B. Hypotheken) zusätzlich besichert werden. Damit verfolgen wir das Ziel bei Staatsanleihen-ähnlicher Sicherheit eine etwas höhere Zinseinnahme zu generieren. Zusätzlich mischen wir für die Renditeerzielung über die Ausfallprämie Hochzins- (High-Yield) und Schwellenländeranleihen bei. Letztere sind dabei der einzige Baustein, der keine Währungsabsicherung hat. Gerade die sicherheitsorientierten Bausteine sollten alle auf Euro notieren. Was hilft 3 % Zins, wenn die Währung um 10 % pro Jahr schwankt? Und nachdem Anleihen in einem Szenario hoher Inflation und niedrigem Wirtschaftswachstum in der Regel schlecht performen, mischen wir zudem inflationsindexierte Anleihen bei. Diese schützen vor allem, wenn die Inflation unerwartet stark ansteigt. Wer dann noch Geldmarktpapiere für alle kurzfristigen Zahlungsverpflichtungen beimischt, ist auf der Anleihe-Seite recht gut aufgestellt. Auch in Zukunft!
Sie haben Fragen zum Thema Anleihen? Schreiben Sie uns gerne!