14. März 2024

Die Angst vor dem Allzeithoch – ein schädlicher Trugschluss

Die Angst vor dem Allzeithoch – ein schädlicher Trugschluss

Seit einiger Zeit brechen die Kurse großer Aktienindizes einen Rekord nach dem anderen. Immer wieder ist vom „Allzeithoch“ zu lesen. Anleger macht das zögerlich – zu Unrecht!

Nach unserer Erfahrung wird an vielerlei Stelle im gleichen Atemzug mit dem Allzeithoch die Angst einer ‚Kurskorrektur‘ und einer nun wahrscheinlich folgenden Phase fallender Werte erwähnt. Es vergeht kaum ein Tag an dem wir in unseren Beratungsgesprächen mit Bestands- und Neukunden nicht das Argument hören, dass „jetzt“ kein guter Zeitpunkt für ein Investment sei. Schließlich notierten viele Indizes nahe ihrer Höchststände und seien damit „teuer“ oder „hoch bewertet“ – „besser wir warten noch etwas ab, schließlich verstößt die heutige Investition gegen das Mantra von günstig kaufen – teuer verkaufen“.

Börsenmedien und vermeintliche Experten schüren periodisch die Angst der Investoren vor Rekordhöhen, indem sie suggerieren, dass die Gesetze der Physik auf Finanzmärkte zutreffen – dass das, was steigt, auch wieder fallen muss. Gerne berufen sich die Schlagzeilen zum Allzeithoch auch darauf, dass die sich die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft entkoppelt. Zuletzt titelte die börsenzeitug (28.02.2024): „Marktstimmung: Wer kauft schon gern am Allzeithoch?“.

In diesem Fokusthema wollen wir aufzeigen, warum Allzeithochs konzeptionell ungeeignet sind, das Bewertungsniveau widerzuspiegeln und damit die Frage nach dem richtigen Einstiegszeitpunkt eines Investments zu beantworten. Zudem gehen wir darauf ein, warum dieser Trugschluss Anleger regelmäßig um gute Renditen bringt.

Allzeithochs sind der Grund, warum wir investieren

Allzeithochs bedeuten, dass der Kurs einer Aktie oder eines Index nie höher notierte als in diesem Moment. Trotzdem kann es selbstverständlich auch weiterhin nach oben gehen. Schließlich ist ein Allzeithoch an der Börse gewollte Normalität und keine Seltenheit.

Dass es nicht das eine Allzeithoch gibt, sondern ständig neue Rekordhöhen erreicht werden, wird beim Blick auf eine lange Zeitreihe des S&P 500 deutlich. Der S&P 500 ist ein führender Aktienindex, der 500 große US-Unternehmen aus verschiedenen Sektoren umfasst. Er dient als wichtiger Indikator für die Performance des US-Aktienmarktes und wird oft als Referenzpunkt für Investitionsentscheidungen und Marktanalysen verwendet.

Quelle: ycharts (ofdollarsanddate.com)

 

Das (Fehl-)Konzept des Allzeithochs

Viele Investoren verbinden mit dem “All Time High” einen überbewerteten Markt. Doch der Begriff “Allzeithoch” ist im Grunde keine Bewertungsgrundlage, auf der sich Prognosen für den kommenden Fall oder auch weiteren Wachstum einzelner Aktien, Märkte oder gar Fonds und ETFs ableiten lassen. Tatsächliche Kennzahlen, die eine Über- oder Unterbewertung einzelner Unternehmen indizieren wären etwa der Gewinn oder Cashflow pro Aktie, Cash-Flow pro Aktie. Die dazu gehörigen Bewertungskennzahlen heißen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Kurs-Cash-Flow-Verhältnis (KCFV) und Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Allesamt also Kennzahlen, die den Aktienkurs immer in das Verhältnis zu einer bestimmten fundamentalen Bezugsgröße des jeweiligen Unternehmens setzen.

 

Globale Aktienbewertungen: Das Forward-KGV des S&P 500

Quelle: JP Morgan, Guide to the Markets, 14.03.2024

Obige Darstellung illustriert gut, dass die Kurs-Gewinn-Verhältnisse des S&P 500 über die letzten 30 Jahre relativ stabil geblieben sind, während sich der Kurs des Index in diesem Zeitraum vervielfacht hat. Ausschläge der Bewertungen sind beim Aufblasen und Platzen der Internetblase um die Jahrtausendwende klar zu erkennen. Am niedrigsten war das KGV kurz nach der Finanzkrise in den Jahren 211/2012.

Anders ausgedrückt, auch wenn es unserer Intuition widerspricht: Der absolute Indexstand allein, als isolierte Zahl ohne Vergleichsgröße, gibt keinerlei Aufschluss darüber, ob der Markt teuer oder günstig ist, ob die Bewertung hoch, normal oder niedrig ist – unabhängig davon, ob der Index gerade ein Allzeithoch erreicht hat oder sich auf einem anderen, niedrigeren Niveau befindet. Wenn das Allzeithoch also keine Aussage über die Bewertung trifft, ist es nicht nur widersinnig, sondern sogar schädlich, Anlageentscheidungen allein auf Basis des Allzeithochs zu treffen. Das bedeutet zum Beispiel, keine Neu- oder Nachinvestitionen in der Nähe eines Allzeithochs vorzunehmen.

 

Aktien tendieren dazu von einem Allzeithoch zum nächsten zu eilen.

Denn genau das Gegenteil ist der Fall. Untersuchungen der Renditen des obigen S&P 500 belegen, dass Aktienmarktrenditen nach einem Allzeithoch sogar höher ausfallen als nach einem Rückgang von 20%.

Durchschnittliche Jahresrenditen des S&P 500 nach Bullen- und Bärenmärkten

Quelle: Dimensional Fund Advisors

Die Ergebnisse legen nahe, dass ein Allzeithoch ein ebenso guter, wenn nicht besserer Zeitpunkt sein kann, wie der Tiefpunkt der Kurse während einer Börsenkrise. Die durchschnittliche Rendite des S&P 500 von 1926 bis 2020 war innerhalb eines bis fünf Jahren nach einem AZH sogar höher als der Schnitt des Gesamtzeitraums. Diese statistische Auffälligkeit kann Zufall sein, lässt sich aber mit dem sogenannten Momentum-Effekt beschreiben. Dieser besagt, dass wenn eine Aktie oder ein Markt in den letzten Monaten gestiegen ist, die Tendenz besteht, dass sie auch weiter steigt. Das liegt daran, dass viele Anleger einem Trend folgen und auf Erfolg setzen, statt das Gegenteil zu tun. Also, wenn etwas gerade beliebt ist, bleibt es wahrscheinlich auch beliebt.

Fazit:

Wenn Anleger also mit der Frage konfrontiert sind, heute Geld anzulegen, ist das der Blick auf die Kurstafel in der Börse-vor-acht keine geeignete Entscheidungshilfe. Investoren sind aus der Brille der Wissenschaft gut beraten jegliche Gelder immer sofort zu investieren und gegenteilige Pressemeldungen, die vor großen Kursrutschen am Allzeithoch waren, zu ignorieren. Denn aus akademischer Sicht hat eine sofortige Pauschaleinlage eine höhere erwartete Rendite als eine gestaffelt Einmalanlage. Dies liegt daran, dass Aktienanlagen immer eine positive Renditeerwartung haben, unabhängig von ihrem Bewertungsniveau. Nicht-investiert zu sein und an der Seitenlinie den Kursen zuzusehen ist somit mit immer Opportunitätskosten verbunden.

Der absolut rationale homo oeconomicus würde also immer investieren, doch sind das die allerwenigsten Anleger. Auch Emotionen und Sorgen spielen eine wichtige Rolle, handelt es sich um, zum Teil über Generationen, hart erarbeitetes Erspartes. Solange Ihnen eine Staffelung der Neuanlagen Sorgen in Bezug auf den Erhalt Ihres Vermögen nimmt und Sie Abends besser schlafen lässt, hat das ratierliches Anlegen seine absolute Berechtigung. Auch hier gilt – je länger der Investitionszeitraum im Verhältnis zu einer zum Beispiel auf 18 Monate angelegte Staffelung, desto geringer wird der Unterschied im Erwartungswert bezüglich der finalen Renditen.

Die Zukunft an der Börse bleibt ungewiss, aber: Das nächste Allzeithoch wird kommen – sicher!

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