12. April 2024

Kapitalverzehr: Wie entspare ich ein Depot?

Vom Sparen ins Entsparen kommen

Wenn wir unsere Kundinnen und Kunden im Rahmen unserer Beratungsgespräche nach den Zielen Ihrer Investments fragen, lautet eine häufige Antwort „Ich möchte Vermögen für meine Altersvorsorge aufbauen“. In Anbetracht der aktuellen Herausforderungen in der Rentenpolitik und gestiegener Lebenshaltungskosten ist die private Vorsorge von der Kür zur Pflicht geworden. Regelmäßige Entnahmen aus einem Wertpapierdepot sind für die Gewährleistung eines auskömmlichen Lebensstandards im Alter für viele Menschen mittlerweile essenziell wichtig geworden.

Doch wenn der ersehnte und meist gut geplante Ruhestand dann eintritt, erleben wir häufig, dass sich Privatanleger äußert schwer tun ihr Sparverhalten in ein Entsparverhalten umzustellen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, ist die Umstellung des Lebens- und Investmentmodell doch mit allerlei emotionalen und rationalen Unsicherheiten verbunden:

  • Wann kann ich aufhören zu arbeiten bzw. wie viel Geld brauche ich?
  • Wie stelle ich mein Portfolio auf, dass das Geld möglichst lange reicht?
  • Wie stelle ich mich der eigenen Endlichkeit? Wie lange lebe ich?
  • Wie viel Kapital kann ich vor diesem Hintergrund nachhaltig entnehmen?
  • Kann ich mir das Vererben leisten bzw. wann kann ich daran denken?

 

Die einzige Gewissheit: Es gibt keine Gewissheit

Jede dieser Fragen stellt schon für sich eine komplexe Herausforderung dar. Bei der Umstellung in den Entsparmodus verstärken sich die Ungewissheiten zudem gegenseitig. Denn zu der unvorhersehbaren Entwicklung am Kapitalmarkt und der künftigen steuerlichen Gesetzgebung gesellt sich die Ungewissheit hinsichtlich des eigenen Lebensweges: Wie alt werde ich? Wie entwickelt sich meine Einkommenssituation? Was machen meine Kinder?

Die einzige Möglichkeit der Unsicherheit zu begegnen ist, sie zu akzeptieren und eine möglichst praktikable und rationale Strategie zu entwickeln, sodass das Geld im Alter in möglichst vielen Szenarien so lange wie nötig zur Verfügung steht.

Das eierlegende Entsparschwein gibt es nicht

Der Frage „Wie kann ich meinen Lebensstandard im Alter über Entnahmen aus dem Depot halten?“ liegen dabei in der Regel drei übergeordnete Ziele zugrunde:

  1. Sicherheit: Eine möglichst langanhaltende eigene Zahlungsfähigkeit
  2. Stabilität: Stabile Entnahmeraten über die gesamte Laufzeit
  3. Lebensqualität: Möglichst hohe Entnahmen bis zum Tod

 

Klar ist: Die drei Ziele müssen – trotz der besagten unvermeidbaren Unsicherheiten – anhand der individuellen Mittel in Balance gebracht werden.

Vorsicht vor Versicherungsprodukten

Die verhaltensorientierte Finanzwissenschaft ist sich längst einig, dass Menschen die Tendenz haben, Verluste stärker zu fürchten als sich über Gewinne in gleicher Höhe zu freuen! Daher ist der Mensch nicht besonders gut geeignet sind, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Diese Verlustaversion erklärt, warum Privatanleger oft geneigt sind, eine sofort beginnende Rentenversicherung abzuschließen. Diese Form der privaten Rentenversicherung garantiert eine fixe Rentenzahlung bis zum Lebensende. Diese sogenannten „Sofortrenten“ befrieden damit Ziel 1 und 2 ad hoc. 

Doch die vermeintliche Sicherheit der Leib- oder Sofortrente hat einen hohen Preis. Denn die (garantierten) Rentenhöhen des Großteils der am Markt verfügbaren Produkte ist enttäuschend gering. In vielen Fällen muss man deutlich länger als der Durchschnitt leben, damit sich diese Lösungen gegenüber einem einfachen Festgeld, welches entspart wird, lohnen. Hinzu kommt, dass man im Falle eines frühen Versterbens das nicht-verbrauchte Vermögen nur bedingt vererben kann und die Produkte häufig intransparent und mit hohen Vertriebs- und Produktkosten versehen sind.

Eine Sofortrente deckt somit zwar Ihr Langlebigkeitsrisiko, doch bringt Sie gleichzeitig um ein gutes Stück Ihrer teuer erkauften Lebensqualität und Ihre Nachkommen um ihr Erbe. Zudem sollten Sie sich die Frage stellen, ob sie Ihre Altersvorsorge wirklich in die Hände eines Versicherungsunternehmens geben möchten? Wir sind der Meinung, das Kontrahentenrisiko ist zu hoch!

Sicherheit, Stabilität und Lebensqualität durch ein Wertpapierdepot  

Das gängige Verfahren um diese obigen drei Ziele – also auch die Lebensqualität – zu balancieren, besteht darin, das Geld in Wertpapieren anzulegen und aus diesem Portfolio eine Rente zu entnehmen. Denn ein gemischtes Wertpapierportfolio bietet, sofern die Lebenserwartung zwischen unterdurchschnittlich und nicht extrem hoch liegt, deutlich höhere Renten, die sich zudem an die Inflation anpassen lassen. Nicht zuletzt besitzt das Depot ein Maximum an Flexibilität und Liquidität und lässt sich im Todesfall leicht an die Nachkommen vererben. Da Wertpapiere Sondervermögen sind, müssen Sie sich keine Sorgen machen, dass die Bank insolvent geht.  

Um die richtige Entnahmestrategie zu formulieren, wird einem gegebenen Vermögen eine Portfoliorendite sowie eine inflationsindexierte „Portfolioentnahmerate“ unterstellt, die über den gesamten Betrachtungszeitraum (Lebenserwartung) durchgehalten werden kann. In der Wissenschaft spricht man von der sogenannten „Safe Withdrawal Rate“, der sicheren Entnahmerate, mit der das Portfolio nicht auf Null geht.

Monte-Carlo-Simulation: Mit Unsicherheit umgehen

Die herkömmliche Berechnung dieser Portfolioentnahmerate erfolgt üblicherweise durch einfache lineare Kalkulationen, die auf verschiedenen Portalen mithilfe von Tabellenkalkulationsprogrammen durchgeführt werden können. Diese Methoden bieten lediglich vorbestimmte Entwicklungen und berücksichtigen nicht die Unsicherheit zukünftiger Renditen. Sie gehen unrealistischerweise davon aus, dass künftige Renditen am Kapitalmarkt linear verlaufen. Wir wissen, dass Anlagen je nach Anlagestrategie allerdings stark um ihren Mittelwert schwanken und nicht Jahr für Jahr eine stabile Rendite bringen. Dieser Mangel kann teilweise durch die Verwendung von optimistischen und pessimistischen Annahmen ausgeglichen werden, jedoch bleibt die Grundproblematik dieser linearen Methoden bestehen.

Will man die Frage nach der sicheren Entnahmerate für einen langen Zeitraum aussagekräftiger als mit Punktschätzungen beantworten, muss man zu einer anspruchsvolleren Prognosetechnik übergehen, der Monte-Carlo-Simulation. Diese naturwissenschaftliche Vorhersagetechnik modelliert Unsicherheit im Sinne schwankender Portfoliorenditen. Dazu generiert ein Computer hunderte oder tausende möglicher Szenarien basierend auf Annahmen zur erwarteten Rendite, Volatilität des Portfolios, der Restlebenserwartung des Anlegers sowie regelmäßiger Portfolio-Zu- und -Abflüsse.

Das Verfahren adressiert damit insbesondere das Rendite-Reihenfolgerisiko, das besagt, dass die spezifische Abfolge von Renditen über einen Zeitraum hinweg einen erheblichen Einfluss auf die Gesamtrendite und den Endwert eines Portfolios hat, insbesondere wenn währenddessen Mittel entnommen oder zugeführt werden. Erfährt man beispielsweise gleich zu Beginn seiner Entnahmephase eine große Börsenkrise, kann dies die Überlebensdauer des Portfolios deutlich reduzieren.

Monte-Carlo-Simulation in der Praxis

Eine solche Simulation lässt sich am besten an einem realistischen Beispiel illustrieren. Nehmen wir hierfür an eine weibliche Person Jahrgang 1963 plant ihren Ruhestand ab dem 68. Lebensjahr. Bis zu diesem Zeitpunkt spart Marianne Müller monatlich noch 2.000 Euro in ein Wertpapierdepot, das heute 500.000 Euro enthält. Die Einzahlungen betragen also bei Renteneintritt bei einer angenommenen Nullrendite 668.000 Euro. Für einen auskömmlichen Ruhestand möchte sie ab dem Jahr 2031 4.000 Euro monatlich entnehmen, der Betrag steigt pro Jahr um 2 % mit der Inflation. 

Dem Portfolio unterstellen wir eine für ein gemischtes Portfolio (60 % Aktien, 40 % Renten) konservative Rendite von 4 % p.a. nach Kosten und eine Volatilität (Schwankung) von 10 % p.a. Gemäß dieser Normalverteilung simulieren wir 1.000 zufällige Rendite-Szenarien mit folgendem Ergebnis.

Beispielhafte Entwicklung des Depotwerts mittels Monte-Carlo-Simulation
Mehr Sicherheit in der Unsicherheit

Allgemein formuliert bietet die Simulation einen Plausibilitätscheck für die fundamentale ökonomische Frage, die sich jeder Haushalt stellen sollte: „Ist mein Langfristplan einigermaßen realistisch und durchführbar? Der tatsächliche Pfad für Frau Müller wird sich also zu 90 % Wahrscheinlichkeit zwischen der roten (5 % Schlechtesten) und grünen Linie (5 % Besten) nahe des Durchschnitts (gelbe Linie) abspielen. Die blaue Linie simuliert einen solch zufällig aus der obigen Normal-Rendite-Verteilung abgeleiteten Pfad.

 Folgende Aussagen lassen sich für Marianne Müller ableiten.

  • Mit einer Festgeldanlage von 2 % geht mit 83 Jahren sicher das Geld aus
  • Im erwartbaren Mittel hat sie mit 90 Jahren noch ca. 265.000 Euro
  • In den 5% besten Fällen hat sie mit 90 Jahren mehr als 1,3 Mio. Euro
  • In den 5% schlechtesten Fällen ist das Geld mit 78 Jahren verbraucht

 

Die Grafik gibt uns zwar Gewissheit, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist, gleichzeitig aber ein gutes Gefühl für ein erwartetes Ergebnis. Wichtig für Sie als Privatanleger ist sich besonders die Worst-Case-Szenarien anzusehen. Wer ganz sichergehen will, plant so, dass das eigene Vermögen auch in den 5 % schlechtesten Fällen ausreicht und lässt sich positiv überraschen.

Wir möchten Ihnen aber folglich praktikable und rationale Leitlinien an die Hand geben, mit welcher Strategie die Lebensqualität nicht unnötig leidet.

1. Die eigene Lebenserwartung positiv abschätzen

Im Internet sind zahlreiche Rechner zur Kalkulation der Restlebenserwartung verfügbar. Sie liefern die „mittlere“ Restlebenserwartung. Nach ihr wird die betreffende Person in 50 % aller Fälle länger leben, in 50 % der Fälle weniger lang. Ihr Geld sollte aber auch reichen, wenn Sie zu den 20 % der Bevölkerung mit der längsten Lebenserwartung gehören. Bei einer heute 60-jährigen Frau entspräche das einem Lebensalter von 96 Jahre (Durchschnitt 87). Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man in der eigenen Planung der mittleren Restlebenserwartung noch mindestens fünf Jahre hinzufügen.

2. Eine geeignete Anlage-Allokation aufstellen

Wenn das Depot eine zentrale Stütze der eigenen Altersvorsorge ist, sollte dieses in der Lage sein, große Kapitalmarktkrisen zu überstehen und sich davon zu erholen. Das bedeutet, dass die Allokation darauf fokussiert sein sollte, Risiken zu vermeiden, statt großen Renditen hinterher zu eilen. Klumpenrisiken in einzelnen Branchen, Regionen oder Anlageklassen sind unbedingt zu vermeiden – Diversifikation ist der Schlüssel zum Erfolg.

Trotzdem: Vorsicht vor einer zu geringen Aktienquote! In der Regel ist die Entsparphase genauso lang wie die Ansparphase. Eine heute gesunde 60-Jährige hat einen Anlagehorizont von mehr als 30 Jahren und kann somit Schwankungen am Kapitalmarkt einfach aussitzen. Daumenregeln wie „Aktienquote ist 100 minus Lebensalter“, nach der die 60-Jährige höchstens 40 % Aktien halten sollte, kosten Lebensqualität im Alter.

3. Eine konservative Renditeerwartung annehmen

Die weite Schere zwischen den günstigen und ungünstigen Pfaden in der obigen Monte-Carlo-Simulation macht es deutlich: Die Zukunft ist unsicher. Wir schlagen deshalb vor, für Ihre Altersvorsorge mit einer sehr vorsichtigen Renditeerwartung zu rechnen. Für ein 60 %-Aktien/40 %-Renten-Portfolio sollte die Rendite nach Kosten nicht über 4 % p.a. angenommen werden. Bei der Standardabweichung sollten Sie mehr als 10% zugrunde legen. Diese pessimistische Einschätzung ist das dritte Sicherheitsnetz.

4. Geld für die nächsten drei Jahre zurückstellen

Wir empfehlen zudem, das Kapital, welches Sie in den nächsten drei Jahren sicher verbrauchen werden, zurückzustellen. Am besten Sie legen dieses in ein separates Depot in Geldmarkt- und kurzfristige Staatsanleihen an, bei Beträgen unter 100.000 Euro kann auch ein Festgeldkonto dafür herhalten.

Nach jedem positiven Börsenjahr füllen Sie dieses Depot aus Ihrem Hauptportfolio auf. Nach einem schlechten Börsenjahr warten Sie ab, damit sich das Hauptportfolio erholen kann. So können Sie in einer längeren Crash-Phase mindestens drei Jahre durchhalten – das sollte reichen, dass sich ein 60-40-Portfolio weitestgehend erholen kann.

Diese Strategie kostet Sie im Mittel zwar Rendite, denn das gemischte Portfolio wird sich besser entwickeln als die Anleihen. Sie minimieren aber das oben genannte Rendite-Reihenfolge-Risiko, sollte Sie in den ersten Jahren der Entnahme ein Crash heimsuchen. Das verlängert die Überlebensdauer Ihres Portfolios und schont Ihre Nerven in der Krise. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Anleger in der Entnahmephase in Börsencrashs sensibler reagieren als Ihre Pendants im Vermögensaufbau.

Sollten Sie nach diesen Tipps noch ein ungutes Gefühl in Bezug auf Ihre Entnahmestrategie haben, sprechen Sie mit uns. Wir rechnen Ihnen gerne eine passende Strategie für Ihren Lebensentwurf!

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