Vergangene Woche – ein verregneter zweiter Advent in München – hatte ich mir in Ruhe Roger Federers Rede vor Absolventen des Dartmouth College in den USA angesehen. Ein millionenfach geklickter Klassiker. Kern seiner Ansprache vor frisch gebackenen Ivy-League-Graduates: drei Lektionen aus dem Tennissport fürs Leben aus der Perspektive eines der wohl erfolgreichsten Tennisspieler der jüngeren Geschichte.
Im Rahmen seiner zweiten Lektion nennt Federer eine erstaunliche Zahl: Er gewann nahezu 80 % seiner 1.525 gespielten Matches, holte dabei aber nur rund 54 % aller gespielten Punkte. Diese Diskrepanz offenbart eine zentrale Wahrheit: Selbst an der Weltspitze gewinnt man kaum mehr als die Hälfte der kleinen „Einheiten“ – und trotzdem reicht das, um am Ende spektakulär erfolgreich zu sein. Insgesamt acht Wimbledon-Siege, davon fünf in Folge.
Mich erinnerte diese Zahl an ein Memo von Howard Marks, einem bekannten US-Vermögensverwalter und Fondsmanager. Er berichtet darin von einem Abendessen mit David VanBenschoten im Jahr 1990, dem damaligen Leiter des Pensionsfonds von General Mills. Er erzählte ihm, dass die Aktienrendite des Fonds in seinen 14 Jahren im Amt nie über dem 27. Perzentil des Pensionsfonds-Universums lag – aber auch nie unter dem 47. Perzentil. Und wo lag der Fonds mit diesen konstanten Ergebnissen über 14 Jahre hinweg insgesamt? Im 4. Perzentil – also unter den vier Prozent besten seiner Vergleichsgruppe.
Spiele verliert man beim Versuch, jeden Punkt zu gewinnen.
Auch wir im Team bei Der Finanz Berater sind überzeugt, dass der Versuch, durch eine Serie von Top-Dezil-Jahren eine überragende langfristige Performance zu erreichen, kaum funktionieren kann. Erfolgversprechender ist es, Jahr für Jahr ein wenig besser als der Durchschnitt zu sein und durch konsequente Disziplin vor allem in schlechten Marktphasen deutlich überlegene relative Ergebnisse zu erzielen. Dieser Ansatz führt zu geringerer Volatilität, reduziert das Risiko irreparabler Verluste und ist – gerade weil wir alle menschlich sind – wesentlich realistischer und nachhaltiger in der Umsetzung.
Auch Federer hat die Abkehr vom Perfektionismus in sein Spiel integriert: „When you lose every second point, on average, you learn not to dwell on every shot. You teach yourself to think: OK, I double-faulted. It’s only a point. OK, I came to the net and I got passed again. It’s only a point. (…) The best in the world are not the best because they win every point… It’s because they know they’ll lose… again and again… and have learned how to deal with it.”
Tennis eignet sich hervorragend als Metapher für das Investieren. Schon Charles D. Ellis hat in seinem Klassiker The Loser’s Game beschrieben, dass Profis ein „Winner’s Game“ spielen, während Amateure ein „Loser’s Game“ spielen: Die Guten gewinnen, indem sie aktiv Punkte erzwingen. Die anderen gewinnen, indem sie vor allem Fehler vermeiden. Für die meisten von uns Amateuren – Anleger wie Tennisspieler – liegt der Schlüssel nicht im spektakulären Punkt, sondern darin, den Ball verlässlich im Spiel zu halten und keine unnötigen Risiken einzugehen, die wir nicht konstant beherrschen.
Profis können anders agieren: Seltener geht ein einfacher Ball ins Netz oder ins Aus. Vielmehr erzwingen sie Punkte mit Schlägen, die der Gegner nicht zurückspielen kann.
Zuletzt macht Carlos Alcaraz Schlagzeilen. Besonders sein kraftvolles, risikoreiches Spiel, getragen von außergewöhnlichem Talent und exzellenter Tagesform, begeistert. Mal gewinnt der kontrollierte Ansatz, mal das große Risiko – Stil allein entscheidet nicht, sondern Stil plus konsequente Ausführung. Interessant ist jedoch, dass die großen Drei (Federer, Nadal, Djokovic) über fast zwei Jahrzehnte dominiert haben, ohne selbst „Big Hitters“ zu sein. Ihre Stärke war ein nahezu fehlerfreies Grundlinienspiel über viele Stunden. Genau diese Mischung aus Kontrolle, Disziplin und dosierter Offensive macht auch langfristig erfolgreiche Investmentstrategien aus.
Spiele verliert man auch, wenn man nur verteidigt.
Wie beim Tennis ist ein zentraler Punkt für Anleger die klare Unterscheidung zwischen Risikokontrolle und Risikovermeidung. Wer Risiken grundsätzlich meidet, verzichtet meist zugleich auf Rendite – denn Investieren bedeutet immer, Unsicherheit zu akzeptieren, um attraktive Erträge zu erzielen. Sich ausschließlich in Staatsanleihen oder garantierten Einlagen zu bewegen, ist zwar sicher, liefert aber zwangsläufig niedrige Ergebnisse. Sinnvoll ist daher nicht die Flucht vor Risiko, sondern das bewusste Ablehnen jener Risiken, die entweder zu groß sind oder für die man nicht ausreichend entlohnt wird. Erfolgreiches Investieren basiert auf dem „intelligenten Tragen von Risiko“: Risiken müssen bekannt, analysierbar, diversifizierbar und angemessen vergütet sein. Nur dann lohnt sich die Übernahme – nicht als heroische Wette, sondern als kontrollierter, fundierter Schritt.
Der Blick in die Praxis zeigt, wie unterschiedlich Risikoprofile wirken. Manche Investoren gehen deutlich höhere Risiken ein als wir mit unseren Portfolios und erleben entsprechend heftige Ausschläge nach unten. Wer erwartet, dass wir unter den 5 % besten Portfolios eines gewissen Zeitraumes rentieren, der muss auch in Kauf nehmen, dass wir unter den 5 % schlechtesten landen. Entscheidend für uns ist die Balance: Verluste sind unvermeidlich, aber ihre Häufigkeit und Schwere müssen durch solide, disziplinierte Positionierung begrenzt bleiben und zum emotionalen und wirtschaftlichen Anlegerprofil passen. Offen gestanden, unsere Kunden interessiert es nicht, in einem bestimmten Jahr unter den 5 % besten Portfolios zu landen. Aber sie (und wir auch) haben ein echtes Thema, wenn wir unter den 5 % schlechtesten rentieren.
Die Tenniswelt liefert dafür ein eindrucksvolles Bild. Wer beim Aufschlag jede Doppelfehlergefahr vermeiden will, serviert so vorsichtig, dass der Gegner freie Punkte kassiert. Ohne kalkuliertes Risiko gewinnt man kein Match. Genauso ist es beim Investieren: Ein Portfolio ohne Ausfälle klingt komfortabel, weist aber oft auf zu geringe Risikobereitschaft hin. Erfolg entsteht nicht durch perfektes Fehlervermeiden, sondern durch kontrolliertes Risiko – mutig genug, um Chancen zu realisieren, und diszipliniert genug, um Rückschläge zu verkraften.
Nur ein bisschen besser, heißt langfristig viel besser.
Wir gehen beim Investieren immer von der Effizienzmarkthypothese aus. Diese besagt, dass Aktienkurse alle bekannten Informationen bereits reflektieren. Künftige Renditen folgen in dieser Theorie einem zufälligen Verlauf. Market-Timing und Stock-Picking funktionieren nicht. Die Wahrscheinlichkeit, ob ein Wertpapier besser abschneidet oder schlechter, liegt in diesem Modell bei je 50 %.
Im Jahr 2022 veröffentlichte Ronald van Loon, Portfoliomanager bei BlackRock, eine Studie darüber, wie viele Investmententscheidungen korrekt sein müssen, um marktübliche Benchmarks zu übertreffen. Er analysierte die Daten verschiedener Märkte, führte umfangreiche Berechnungen durch – und kam zu einer bemerkenswert niedrigen Zahl: rund 53 % bei Aktien, 51 % bei Anleihen.
Sollte es uns also gelingen mit minimalen Überrenditen – sei es durch Faktor-Prämien (z. B. die Übergewichtung kleinerer Unternehmen), ein sauberes Rebalancing oder sichere steuerliche Vorteile (z. B. bei US-Dividenden) in der Mehrheit der Jahre ein klein wenig besser abzuschneiden als eine Benchmark, wird sich das langfristig bezahlt machen.
Wie uns Roger Federer lehrt, kann also auch beim Investieren ein winzig kleiner, aber stetiger Vorteil gegenüber dem Gegner über die Zeit hinweg zu beeindruckend großen Vorsprüngen führen.
Übrigens:
Punkte, die Rafael Nadal während seiner aktiven Karriere gewann, in Prozent: 54
Punkte, die Carlos Alcaraz, Sieger des jüngsten French-Open-Finales – einem der besten Matches seit dem Wimbledon-Finale 2008 – mehr gewann als sein Gegner Jannik Sinner: 1
Dieser Artikel ist maßgeblich inspiriert von Howard Marks‘ Memo „Fewer Losers, or More Winners?“. Wenn Sie mehr über die Parallelen von Tennis und Investmenttheorie erfahren möchten, lege ich Ihnen seinen Artikel sehr ans Herz. Wenn Sie über die Feiertage indes noch eine passende Lektüre über rationales Investieren – und gute Argumente, warum 51 % Gewinnwahrscheinlichkeit ein überragendes Ergebnis an der Börse ist – suchen, dann empfehle ich Ihnen Burton Malkiels Klassiker „A Random Walk Down Wall Street“. Viel Spaß damit.
Quellen:
- 2024 Commencement Address by Roger Federer; “The tennis champion says “effortless” is a myth.” Trustees of Dartmouth College.
- Memos from Howard Marks; “Fewer Losers, or More Winners”; Sep 12, 2023
- Ronald J. M. van Loon; “Long-Term Investing and the Frequency of Investment Decisions”; The Journal of Portfolio Management August 2021, 47 (8) 86 – 104