Viele Menschen gehen regelmäßig zur medizinischen Vorsorgeuntersuchung: Passt der Cholesterinspiegel? Gibt es seit dem letzten Mal Veränderungen im großen Blutbild? Wie ernst soll ich das Zwicken im rechten Knie nehmen? Und muss ich diese schlecht schmeckenden Omega-3-Fischöl-Kapseln weiter jeden Morgen zum Kaffee einnehmen?
Auch ich gehe diesem Ritual – wenn auch nicht ganz jährlich – nach. Meist braucht es wiederkehrende Kopfschmerzen und etwas Panik, die folgt, wenn man die jüngsten Symptome in Google oder neuerdings auch bei Dr. Künstliche Intelligenz eingibt, um mich zu motivieren. Glücklicherweise konnte mein Arzt bisher alle meine Ängste zerstreuen und die gefürchtete Krankheit dank einer sauberen Diagnostik mit einer einfachen, weniger dramatischen Feststellung samt Therapie erklären.
Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, die Jahresgespräche, die wir mit unseren Mandanten meist zu Jahresbeginn führen, sind einer ärztlichen Routineuntersuchung recht ähnlich. Zwar geht es hier um die für Leib und Leben weit weniger folgenreiche finanzielle Gesundheit. Doch auch bei Geld gilt es Risiken früh zu erkennen und zu kontrollieren, Folgeschäden zu vermeiden und so langfristig die eigene Lebensqualität zu erhalten und verbessern.
Lassen Sie uns deshalb einmal sauber strukturieren, was unserer Meinung nach in eine finanzielle Vorsorgeuntersuchung gehört, die Ihr Vermögen fit für das Jahr 2026 macht.
1. Rekapitulieren Sie Ihre Anlageziele
In der Regel geht es Menschen im Vermögensaufbau darum, mittels der gewählten Investments eine möglichst gute Rendite bei einem festgelegten Risiko zu erzielen. Im Vermögensverzehr (beispielsweise beim Entsparen) ist hingegen eine planbare Rendite bei einem kontrollierbaren Risikoziel wichtiger. Das Hauptziel „Vermögensaufbau“ ist somit in der Theorie tragfähig, doch in der Praxis meist unzureichend definiert. In etwa, wie wenn man dem Arzt sagt, dass man das Ziel hat, gesund zu sein.
Das „Warum?“ hinter jedem Anlageziel muss also genauer definiert und am besten schriftlich fixiert sein. Wir beginnen hier gerne mit den persönlichen Werten in Bezug auf Geld – im Kern also der Frage „Warum ist Geld wichtig für mich?“. Werte, weil Geld kein Selbstzweck ist, sondern ein Werkzeug für den eigenen Lebensentwurf. Klar definierte Werte geben finanziellen Entscheidungen Richtung, sorgen für Konsistenz in unsicheren Phasen und schützen vor Vergleich und kurzfristigem Aktionismus. Erst wenn eine Strategie zu den persönlichen Überzeugungen passt, wird diese dauerhaft tragfähig und verbindet Geld mit Sinn statt mit bloßen Zahlen.
Aus den Werten können dann konkrete Ziele logisch, konsistent und realistisch geplant werden. Dem Wert im Ruhestand frei von Geldsorgen zu leben kann nach sauberer Planung dann ein gewisser Portfoliostand angehängt werden. Auch die wirtschaftliche und emotionale Fähigkeit, Risiko zu tragen, muss definiert werden. Wenn sich dieses Ziel realistisch – besonders nach drei so guten Kapitalmarktjahren mit Aktienrenditen über 10 % p. a. – erreichen lässt, kann es sinnvoll sein, antizyklisch ein paar Chips vom Tisch zu nehmen, um das Risiko des Verlustes von Ruhestandskapital zu verringern. Dazu aber mehr in Teil 5.
In der Regel gilt es bei unseren Mandanten auch mehrere Werte und Ziele zu berücksichtigen. Häufig lautet ein Wert: „Unseren Kindern eine gute Ausbildung und eine finanzielle Starthilfe ins Leben ermöglichen“. Dann heißt es neben den eigenen auch die Sparraten der Kinder für das Auslandsstudium oder den Zuschuss zur Wohnung sauber zu planen und nachzuhalten.
2. Spiegeln Sie Ihr bestehendes Portfolio
Fester Bestandteil eines Jahresgesprächs sollte zudem immer der Rückblick auf das bestehende Portfolio und die Antwort auf die Frage sein, ob es geeignet war, die obigen Ziele zu erfüllen.
Erstens: Die Rendite ist dabei sicherlich die wichtigste Kennzahl. Hier lohnt der Blick neben der einfachen Prozentbetrachtung auch auf die sog. Performance Attribution. Im Kern ist das die Frage, welche Sub-Anlageklassen zur Gesamtrendite beigetragen haben. Waren Aktien, Rohstoffe oder Anleihen die Renditetreiber? Haben bestimmte Anlagestile (Value, Growth etc.), Themen (Branchen, Trends etc.) oder Regionen eine Über- oder Unterperformance generiert?
Zweitens: Das für die Erzielung dieses Ergebnisses eingegangene Risiko ist in unseren Augen genauso wichtig wie die reine Renditebetrachtung. Was hilft eine gute Jahres-Performance, wenn man im April während der Kurseinbrüche durch die US-Zollankündigungen kurz davor war auszusteigen. Beim Risiko gilt das Sprichwort: So wenig wie möglich, so viel wie nötig.
Drittens: Bei der Bewertung, ob Rendite und Volatilität angemessen waren, hilft der Vergleich des Gesamtportfolios und seiner Bestandteile mit einem geeigneten Vergleichsmaßstab. In Neudeutsch Benchmark genannt. Wohlgemerkt: passend! Die meisten Vermögensverwalter (auch wir) zielen darauf ab, ihren Investoren über viele Jahre stabile risiko-adjustierte Renditen zu generieren, regelmäßiges Einkommen zu generieren und große Fehler zu vermeiden. Das eigene Portfolio also gleich zu setzen mit dem DAX oder dem S&P 500, der zuletzt von wenigen großen Plattformunternehmen getragen wurde, greift in der Regel zu kurz.
Passende Benchmarks, das können sowohl Indizes als auch andere Produkte sein, sollten hinsichtlich der obersten Auswahl der Anlageklassen (Level-1-Asset-Allocation – im Kern also der Aktienquote als auch der regionalen Ausrichtung) vergleichbar sein. Im Idealfall schneidet Ihr Portfolio besser ab. Wenn das nicht der Fall ist, verlangen Sie eine nachvollziehbare Erklärung, wie und warum die Allokationsentscheidungen im vergangenen Jahr so getroffen wurden. Vergessen Sie dabei auch nicht längere Zeiträume (3, 5, 10 Jahre) zu vergleichen, welche herausforderndere Jahre wie 2022 beinhalten. Ein Kalenderjahr ist eigentlich keine gute Zeiteinheit um Portfolios mit verschiedenen Anlageklassen vernünftig zu vergleichen.
Viertens: Blicken Sie zuletzt auf die Kosten. Lassen Sie sich dabei klar aufzeigen, welche Kosten entlang der Wertschöpfungskette, also für die Depotführung und Transaktionen bei der Bank, die eingesetzten Produkte und für die Beratung angefallen sind. Behalten Sie hier insbesondere Bestandteile im Auge, die man auf den ersten Blick nicht sieht. Wir erleben immer wieder, dass Menschen sich der in vielen klassischen aktiven Fonds enthaltenen Innenprovisionen für Ihren Bankberater nicht bewusst sind. Achten Sie darauf, dass Sie eine entsprechende Gegenleistung erhalten. Nicht nur in Form einer guten risiko-adjustierten Rendite. Sondern auch im alltäglichen Service. Versteht ihr Berater Ihre Werte und Ziele? Ist er gut erreichbar? Führen Sie ein Jahresgespräch? Wir sehen gerade im Bankumfeld häufig Menschen, die für eine Nicht-Leistung viel Geld bezahlen.
3. Sorgen Sie für Ihre Liquiditätsplanung
Der mitunter wichtigste Aspekt unserer Jahresgespräche ist eine auf die Kundensituation passende Liquiditätsplanung. Im Kern geht es hier darum zu vermeiden, dass langfristige Investments (in erster Linie Aktien) zu einem falschen Zeitpunkt in der Zukunft verkauft werden müssen, um bekannte Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen.
Aus unserer Sicht ist zwingend, dass Mittel für größere Anschaffungen, Steuerzahlungen, Schenkungen oder Entnahmen, die innerhalb der nächsten 18 bis 24 Monate anstehen und nicht aus dem laufenden Cashflow (z. B. Einkommen oder Mieteinnahmen) gedeckt werden können, konservativ und risikoarm positioniert werden. Dafür eignen sich, gerade für Beträge über 100.000 €, am besten Geldmarktfonds oder -ETFs. Auch Ausgaben, die über diesen Zeitraum hinaus fest geplant sind (z. B. Tilgungen, Renovierungen) sollten entsprechend adressiert werden.
Die Liquiditätsplanung ist dann besonders wichtig, wenn das Portfolio regelmäßig entspart wird, wie es beispielsweise im Ruhestand oder als Privatier der Fall ist. Menschen unterschätzen oft, wie viel sie eigentlich zum Leben brauchen. Völlig ungeachtet dessen sind auch wir Fan eines „Notgroschens“ im Geldmarkt oder Tagesgeld von drei bis sechs Netto-Monatsgehältern. Liquiditätsplanung ist die operative Basis jeder Vermögensanlage mit der niemand gezwungen sein sollte, in einem Marktcrash das Hauptportfolio verkaufen zu müssen.
4. Überprüfen Sie blinde Flecken abseits Ihres Portfolios
Wie in einem unserer letzten Artikel beleuchtet, lauern die mitunter größten Risiken für Ihre finanzielle Gesundheit nicht in Ihrem Depot. Vielmehr lassen blinde Flecken in der Vorsorge- und Notfallplanung Vermögen abseits des Kapitalmarkts erodieren.
Bevor Sie also mit Ihrem Berater diskutieren, ob es sinnvoll ist den Schwellenländeranteil im Portfolio mit 15 % oder 18 % zu gewichten, fokussieren Sie sich lieber auf vermögens-planerische Aspekte, die keinen Schwankungen unterliegen und sich durch kluge Vorsorge und Planung kontrollieren lassen:
- Notfallplanung: Ohne Vorsorgeregelungen (Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung etc.) drohen im Ernstfall staatliche Eingriffe in Vermögen und Entscheidungen – mit realem Kaufkraftverlust.
- Nachlass: Ein klar geregeltes Testament verhindert familiäre Konflikte, unnötige Steuern und teure rechtliche Auseinandersetzungen.
- Ehe und Scheidung: Eine Ehe hat finanzielle Vorteile, eine Scheidung hingegen oft hohe Kosten – ein fairer Ehevertrag kann frühzeitig Klarheit schaffen.
- Klumpenrisiken: Hohe Vermögenskonzentrationen in Unternehmen oder Immobilien erhöhen das Risiko spürbarer Verluste und machen bewusste Diversifikation notwendig.
- Schadensereignisse: Versicherungen sind dort unverzichtbar, wo Schäden nicht aus eigener Liquidität getragen werden können – insbesondere bei Sach- und Humankapital.
Ein guter Finanzarzt wird Sie unterstützen, nicht nur Ihr Portfolio sondern Ihr Gesamtvermögen zukunftsfähig und wetterfest zu machen. Natürlich kann er dabei nicht alles selbst umsetzen, wird Sie aber mit fachkundigen Experten aus seinem Umfeld vernetzen. Seien Sie vorsichtig, wenn er alles selbst macht – Ihr Hausarzt würde einen grauen Star in Ihrem Auge ja auch nicht selbst operieren.
5. Handeln Sie konsequent bei der Umsetzung
Nun, wenn Sie Klarheit hinsichtlich der Punkte eins bis vier geschaffen haben, ist es an der Zeit, diese Informationen auch in Ihrem Vermögen widerzuspiegeln.
Dabei empfiehlt es sich immer mit der Liquidität zu beginnen und die über den Notgroschen hinausgehenden Ausgaben der nächsten 18 bis 24 Monate in risikoarme Anlagen wie Geldmarktfonds oder Anleihefonds mit kurzer Duration zu tauschen. Je höher das laufende Einkommen und je höher das liquide Gesamtvermögen, desto riskanter kann man hier werden (also weniger Liquidität vorhalten). Wir raten aber dazu, hier eher vorsichtig zu bleiben, da Marktabschwünge und Zahlungsverpflichtungen oft höher ausfallen können als initial angenommen.
Auch das langfristige und risikoreichere Portfolio sollte hinsichtlich seines Rendite-Risiko-Verhältnis überprüft werden. Nachdem Aktien und Gold in den letzten Jahren besser abgeschnitten haben als Anleihen, ist ein passives Portfolio ohne aktives Zutun immer aktienlastiger geworden. Das resultiert durch die höhere Volatilität dieser Anlageklassen zwangsläufig in einer Erhöhung des Gesamtrisikos im Portfolio.
Wir raten gerade defensiveren Investoren und solchen, die in den kommenden 5 Jahren an ihr Geld müssen, beim Wiederherstellen der ursprünglichen Gewichtung (Rebalancing) deshalb die besonders gut gelaufenen Aktienanteile zu reduzieren und dafür entweder Geldmarktanlagen für bevorstehende Zahlungsverpflichtungen oder ein diversifiziertes Anleiheportfolio aufzustocken. Auch ein Rebalancing in den Sub-Anlageklassen ist oft sinnvoll. Zuletzt bietet sich an, US-Large-Caps zugunsten der etwas schwächeren Anlagebereiche wie beispielsweise Nebenwerte oder Schwellenländeraktien zu tauschen. Offensivere Investoren und diejenigen mit einem sehr langen Anlagehorizont (>10 Jahre) können das Portfolio etwas mehr atmen lassen.
Denn die beste Form der Anpassung ist Cash-Flow basiert, also durch Ein- oder Auszahlungen in das oder aus dem Portfolio. Hier werden die geringsten Kapitalertragssteuern ausgelöst, die durch den Verkauf von Gewinnen entstehen. Über die richtige Form des Rebalancings haben wir vor ca. einem Jahr einen ausführlichen Artikel geschrieben.
Zu guter Letzt, vergessen Sie nicht auch die Punkte aus Abschnitt 4 abseits des Portfolios zu verfolgen. Laut einer Forsa Umfrage hat nur rund jede dritte volljährige Person in Deutschland bereits ein Testament aufgesetzt oder einen Erbvertrag geschlossen, um zu regeln, was nach dem eigenen Tod mit dem Vermögen geschehen soll. Kaum ein anderes Thema wird so gerne aufgeschoben, obwohl in den nächsten Jahren in Deutschland Billionenvermögen vererbt werden. Vielleicht gibt unser Artikel, den wir zum letzten Jahreswechsel veröffentlicht haben, wertvolle Denkanstöße für eine gesunde Vermögensnachfolge.
Fazit
Fragt man in der Ärzteschaft nach, gehen wahrscheinlich immer noch zu wenig Menschen zu einer regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung. Und auch wir sind überrascht, wie wenige Menschen sich wiederkehrend und strukturiert mit ihrer finanziellen Gesundheit befassen. Wenn Ihnen Ihr (Bank-) Berater kein Jahresgespräch proaktiv anbietet, fragen Sie danach! Wie bei der medizinischen Vorsorge gilt auch für Ihr Vermögen: Regelmäßige Checks verhindern, dass aus kleinen Auffälligkeiten große Probleme werden. Wer Ziele klar definiert, Risiken versteht, Liquidität plant und blinde Flecken schließt, handelt präventiv statt reaktiv. Ein guter Finanzberater agiert dabei wie ein guter Arzt – er diagnostiziert im Vorfeld sauber, erklärt verständlich und empfiehlt Maßnahmen.
Wenn Sie Mandant sind, melden Sie sich gerne bei uns, um Ihr Jahresgespräch direkt zu terminieren. Sollten Sie noch kein Kunde sein, führen wir Sie gerne auch einmal unverbindlich durch ein Jahresgespräch mit Kennenlerncharakter und analysieren, ob Ihr Portfolio angemessen hinsichtlich Allokation, Kosten und Risiko zu Ihrer Lebenssituation passt.