Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass wir uns in unseren FINANZBERATER-Artikeln um eine rationale Haltung hinsichtlich Anlagestrategien und dem Kapitalmarkt bemüht sind. Bei der Neuausrichtung der Publikation war uns nämlich wichtig, bewusst auf Themen zu setzen, die lange Bestand haben und Menschen wirklich dabei helfen, bessere Finanzentscheidungen zu treffen. Unabhängig davon, ob die Notenbankzinsen gerade gesenkt oder angehoben werden. Unabhängig davon, ob Donald Trump gerade den Iran oder Venezuela angreift. Weniger Journalismus, mehr Bildung.
Leider sind wir mit dieser Haltung noch recht einsam. Der Streifzug durch die Wirtschafts- und Börsenecke in einem der noch verbleibenden Zeitschriftenläden oder auf gängigen Nachrichtenplattformen offenbart ein erschreckendes Bild: Finanzpornografie, wo man hinblickt. Kaum Bildung, vor allem Erregung. Jede Überschrift ein Appell an die Angst oder an die Gier. Wobei die Gier eigentlich auch nur die Angst ist, das nächste große Ding zu verpassen (FOMO, engl. „Fear of Missing Out“). Die aufflammende Lust, beim nächsten Stammtisch doch erzählen zu können, dass man bei TESLA schon ganz früh dabei war, verleitet uns dann doch oft, auf eine Überschrift zu klicken oder den FOCUS-Money dann doch schnell einzustecken.
Wenn Sie aufmerksam hinsehen, finden Sie Finanzpornografie nicht nur im Zeitschriftenregal. Der süße Duft reißerischer Überschriften lockt an jeder Ecke: auf YouTube, bei Instagram, in der Seitenleiste der Wetter-App. Ein paar schöne Beispiele der letzten Monate haben wir mal herausgesucht:
- „Aus 10.000 Euro wären fast 900.000 geworden – welchen ETF Sie jetzt kaufen müssen“ (Focus Money 4/2026, 16.01.2026)
- „25 sichere Aktien für die Ewigkeit – Renditechancen bis 50 %“ (Focus Money 14/2026, 27.03.2026)
- Beste Aktien 2026 – das sind die besten Aktien der Welt“ (WirtschaftsWoche Online, 10.05.2026)
- „Börsencrash 2026 – wie schlimm steht es wirklich um die Märkte?“ (Goldesel, 22.03.2026)
Immer wieder: Es ist ein Geschäftsmodell
Um Finanzpornografie zu enttarnen, hilft es zu verstehen, wie und womit die dahinterstehende Quelle ihr Geld verdient. Eine Zeitung, ein Börsenbrief, ein YouTube-Kanal oder ein Instagram-Account lebt von Aufmerksamkeit. Von verkauften Auflagen, Abonnements, Klicks und Werbeplätzen. Das eigentliche Produkt ist also nicht Ihre finanzielle Zielerreichung, sondern Ihre Verweildauer. Und Aufmerksamkeit folgt einer einfachen, evolutionär tief verankerten Logik: Wir klicken auf das, was uns emotional packt.
Oder was würden Sie lieber lesen?
„So retten Sie Ihr Vermögen vor dem Platzen der Schuldenblase Ende 2026 noch rechtzeitig“ oder „Wie Ihnen ein Liquiditätspolster hilft, mit Ihrer breit gestreuten Anlage investiert zu bleiben“?
Wie langweilig, wenn man – wie wir es tun – immer wieder das Gleiche schreibt: „Saubere Struktur etablieren, breit streuen, Kosten gering halten etc.“ Finanzpornografie appelliert lieber an unsere größten Gegner bei der Geldanlage: Neid, Ungeduld, Naivität, Selbstüberschätzung und Faulheit. Dabei kann man den Börsenmedien nicht mal allzu böse sein. Es ist nun mal ihr Geschäftsmodell. Leider funktionieren die extremsten Überschriften meist am besten, haben aber gleichzeitig den dramatischsten Einfluss auf ein Vermögen.
Besonders wachsam sollten Sie insbesondere dann sein, wenn Publikationen immer direkt mit einem Angebot oder Produkt korrespondieren:
- Wenn Sie also nach dem Artikel über den Siegeszug der US-Plattform-Unternehmen direkt unten im Artikel das „MAGNIFICENT SEVEN INDEX-ZERTIFIKAT“ erwerben können.
- Wenn Sie nach dem Artikel über den nächsten großen Crash unten auf Dirk „Mr. DAX“ Müllers Premium-Aktienfonds verwiesen werden. Dieser hat zwar nicht vor der Krise geschützt, dafür vor Rendite. Nun, wen wundert es bei 7 % p. a. laufenden Kosten?
- Wenn wieder einmal über die Demokratisierung von Anlageklassen geschrieben wird, die an sich nur institutionellen Investoren sinnvoll zugänglich sind. „Anlegen wie die Superreichen“ bzw. „Investieren wie die besten Family-Offices“. Unten können Sie direkt in eine neue intransparente Beteiligung an einem Offshore-Windpark auf Island investieren.
Aktionismus zerstört Renditen
In der Verhaltensökonomik der Finanzmärkte wird längst nicht mehr diskutiert, dass aktionistisches Trading Rendite zerstört. Befund: Je mehr ein Anleger handelt, desto schlechter ist letztlich seine Rendite. Warren Buffett fasst trefflich zusammen: „The stock market is a device for transferring money from the active to the patient.“ Das ist genau der Grund, warum wir uns in der Vermögensverwaltung ausreichend Bedenkzeit geben, wenn wir Portfolios anpassen. Gerade größere strategische Entscheidungen (Veränderung der Aktienquote, Austausch eines wesentlichen Bausteins, Hinzunahme einer Sub-Anlageklasse etc.) diskutieren wir im Anlageausschuss schon mal gerne über ein paar Tage. Die Kernfrage, die wir uns dabei stellen: „Ersetzen wir eine langfristig tragfähige Allokation durch eine bessere langfristig tragfähige Allokation?“. Erst wenn die Antwort „Ja“ lautet, passen wir ein Portfolio an.
Leider handeln so nicht alle Berater. Denn nach wie vor profitieren viele Bänker, Strukturvertriebe oder andere Finanzverkäufer von transaktionsbasierten Provisionen, zum Beispiel von Ausgabeaufschlägen. Das Stilmittel, um Sie zum Umschichten zu bewegen oder in ein neues Versicherungsprodukt zu treiben? Richtig, verbale Finanzpornografie. „Unser Chef-Anlagestratege hat eine dringende Verkaufsempfehlung ausgesprochen“. „Sie möchten doch nicht für den Staat arbeiten, oder?“. „Das gleiche Produkt bespart meine Mutter auch“. Natürlich…
Wenn der Medienlärm zu laut wird: Weghören!
Im Englischen wird die ständige Flut von Marktinformationen, Nachrichten, Kursbewegungen und Meinungen, die für langfristige Anlageentscheidungen an sich irrelevant ist, „Noise“ (zu Deutsch: Lärm oder Rauschen) genannt. Der Begriff stammt aus der Signal-Rausch-Metapher: Es gibt das Signal (die wenigen, wirklich relevanten Informationen, die langfristig den Anlageerfolg bestimmen) und das Rauschen (alles andere, was nur Aufmerksamkeit bindet, ohne Erkenntniswert zu liefern). Wenn das Rauschen zu laut wird, hilft nur eins: Weghören.
Zum Glück sind über die Jahre aber auch viele neue Akteure aufgetaucht, die es mit der finanziellen Gesundheit ihrer Leser, Hörer oder Kunden wirklich ernst meinen. Klar, auch bei guten Quellen steht in der Regel ein Geschäftsinteresse hinter der Motivation. Aber dieses ist meist offenkundig identifizierbar und quantifizierbar.
Hier sind sie also, unsere Empfehlungen, bevor Sie sich das nächste Mal zu börse-online, WirtschaftsWoche, Der Aktionär oder FOCUS-Money verirren:
- Finanztip, Finanzfluss oder Stiftung Warentest (ehemals Finanztest) liefern Leitfäden und Ratgeber für fast alle finanziellen Herausforderungen und eignen sich gut für den sachlogisch agierenden Selbstentscheider.
- Für investmentaffine Menschen eignen sich Publikationen wie der Rational-Reminder-Podcast (Englisch) oder der Blog von Finanzprofessor Hartmut Walz.
- Und wenn mal etwas mehr Zeit ist, lohnen sich die Buchempfehlungen unserer Vermögensberater.
Die Inhalte wiederholen sich und langweilen Sie? Qualitätsmerkmal! Eine seriöse Quelle wird Ihnen immer die bis dahin – unter Einbezug aller verfügbaren Signale und Informationen – beste Idee präsentieren. Und die wird sich nicht so schnell ändern. Ein guter Arzt empfiehlt Ihnen beim selben Befund auch nicht alle zwei Wochen einen neuen Therapieplan. Warum sollte es dann Ihr Finanzberater tun?
Haben wir Sie zum Nachdenken angeregt oder haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gerne unter: info@der-finanzberater.de
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