Schwellenländer gehören mittlerweile in jedes gut diversifizierte Aktienportfolio eines Privatanlegers. Der Grund dafür ist weniger ihre vermeintlich höhere Rendite als vielmehr ihr Beitrag auf Gesamtportfolioebene: Schwellenländeraktien entwickeln sich häufig unabhängig von den Zyklen der Industrieländer. Aufgrund dieser vergleichsweise niedrigen Korrelation können sie helfen, das Gesamtrisiko eines Portfolios zu senken beziehungsweise die risikoadjustierte Rendite zu verbessern. Wer sein Depot auf dem globalen Aktienmarkt aufbauen möchte, kommt nach unserer Auffassung an ihnen ohnehin nicht vorbei.
Auf Jahressicht haben die Emerging Markets zuletzt beeindruckend geliefert. In den zwölf Monaten bis zum 30. Juni 2026 legte der MSCI Emerging Markets um 43,5 Prozent zu, der MSCI World im selben Zeitraum um 21,3 Prozent (in US-Dollar). Seit Jahresbeginn stehen 23,9 gegenüber 9,7 Prozent zu Buche; in Euro gerechnet waren es bis Anfang Juli über 27 Prozent. Sie werden wissen, dass wir von diesen kurzen Performance-Vergleichen nicht allzu viel halten. Doch auch seit Auflage des MSCI Emerging Markets Index Ende 2000 führen die Schwellenländer gegen ihre entwickelten Geschwister mit 9,2 gegenüber 7,5 Prozent pro Jahr.
Vielleicht werden viele von Ihnen denken „Nicht schon wieder die Schwellenländer-Geschichte!“. Schon vor Jahrzehnten sollten doch die BRIC-Länder die Welt verändern – oder war es die ASEAN-Staatengemeinschaft aus Südostasien? Wie immer beim Investieren halten wir uns auch bei den aufstrebenden Staaten davon fern, stark auf einzelne Länder oder Subsektoren zu setzen. Zu groß ist die Gefahr, sich in dieser sehr heterogenen Ländergruppe unvorhersehbare Einzelrisiken ins Portfolio zu holen und am Ende bitter enttäuscht zu werden. Naheliegend ist deshalb ein breiter ETF. Doch genau hier lohnt der zweite Blick: Der Index weist inzwischen in wesentlichen Dimensionen höhere Konzentrationsrisiken auf als der vielgescholtene MSCI World. Ja, das geht – hätten wir auch nicht gedacht!
Warum Schwellenländer in jedes Portfolio gehören
Realwirtschaftlich sind die Schwellenländer alles andere als eine Nischenveranstaltung. In ihnen leben rund 85 Prozent der Weltbevölkerung, sie bedecken etwa vier Fünftel der Landmasse, beherbergen den Großteil der bekannten Rohstoffvorkommen und erwirtschaften – je nach Berechnungsmethode – zwischen 40 und 55 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. An der Börse dagegen kommen sie lediglich auf etwa 10 bis 15 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung. Diese Lücke ist kein Argument für eine Übergewichtung, aber sie macht deutlich, wie groß der Teil der Weltwirtschaft ist, den ein reines Industrieländerportfolio schlicht ausblendet. Wer nur den MSCI World hält, investiert eben nicht in die „Welt-AG“, sondern in 23 Industrieländer.
Das eigentliche Argument für die Beimischung ist jedoch die Korrelation. Der Korrelationskoeffizient von Schwellen- zu Industrieländeraktien bewegt sich je nach Marktphase zwischen 0,5 und 0,7. Eine Beimischung von 10 bis 30 Prozent Schwellenländeraktien verbesserte historisch die risikogewichtete Rendite eines globalen Aktienportfolios – und zwar auch in Phasen, in denen die Emerging Markets absolut schlechter liefen als die Industrieländer. Der Grund liegt in der Mathematik des Mischens: Kombiniert man zwei ausreichend gering korrelierte Anlagen, sinkt der renditeschädigende „Volatility Drag“ des Gesamtportfolios. Beurteilen lässt sich das allerdings nur auf Gesamtportfolioebene. Wer die Rendite jeder einzelnen Position isoliert bewertet, wird mit Schwellenländern selten glücklich.
Nicht vergessen werden darf, warum diese Rendite überhaupt vergütet wird. An der Börse wird nicht Wirtschaftswachstum bezahlt, sondern das Risiko, das man tragen muss, um künftige Gewinne zu vereinnahmen. Bei Schwellenländern sind das vor allem politische Risiken. Zum Beispiel Regierungswechsel, Interventionen, Sanktionen, mangelnde Rechtssicherheit sowie Liquiditäts- und Währungsrisiken. Genau deshalb sind Schwellenländeraktien im langfristigen Mittel günstiger bewertet: Per 30. Juni 2026 lag das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI Emerging Markets bei 11,7 gegenüber 19,2 im MSCI World, das Kurs-Buchwert-Verhältnis bei 2,6 gegenüber 4,2. In unseren Aktienstrategien liegt die strategische Schwellenländerquote seit Jahren bei 15 Prozent – und das wird vorerst so bleiben.
Welt- und Schwellenländer-Einzelindizes vs. 70/30-Mischportfolio
Schwellenländer-ETFs verdienen denselben kritischen Blick wie Welt-ETFs
| Kennzahl | MSCI Emerging Markets | MSCI World |
|---|---|---|
| Anzahl Aktien | 1.178 | 1.283 |
| Anzahl Länder | 24 | 23 |
| Gewichtung der Top-drei-Sektoren | 70,89 % | 57,79 % |
| Gewichtung der Top-drei-Länder | 70,09 % | 81,59 % |
| Gewichtung der Top-drei-Aktien | 30,89 % | 12,90 % |
| Gewichtung der Top-zehn-Positionen | 40,23 % | 25,74 % |
| Gewichtung des größten Einzeltitels | 15,08 % (TSMC) | 5,18 % (Nvidia) |
| Gewichtung Sektor Informationstechnologie | 45,26 % | 30,27 % |
| Kurs-Gewinn-Verhältnis (erwartet) | 11,65 | 19,17 |
| Kurs-Buchwert-Verhältnis | 2,58 | 4,15 |
| Dividendenrendite | 1,93 % | 1,52 % |
| Rendite 1 Jahr | 43,51 % | 21,34 % |
| Rendite 5 Jahre p. a. | 7,20 % | 11,47 % |
| Rendite 10 Jahre p. a. | 10,07 % | 13,14 % |
| Rendite seit 29.12.2000 p. a. | 9,22 % | 7,46 % |
| Volatilität 10 Jahre | 17,44 % | 14,89 % |
| Sharpe Ratio 10 Jahre | 0,50 | 0,75 |
| Maximaler Verlust (Drawdown) | −65,25 % (2007–2008) | −57,82 % (2007–2009) |
Bemerkenswert sind vor allem die Top-drei-Werte. Die drei größten Titel im MSCI Emerging Markets – Taiwan Semiconductor, Samsung Electronics und SK Hynix – bringen zusammen über 30 Prozent auf die Waage. Alle drei sind Chip- und Speicherhersteller. Im MSCI World kommen Nvidia, Apple und Microsoft gemeinsam auf 12,90 Prozent. Der Informationstechnologiesektor im MSCI Emerging Markets macht mittlerweile 45,3 Prozent des Index aus – zu Jahresbeginn 2026 waren es noch rund 28 Prozent. Damit ist der IT-Anteil im Schwellenländerindex inzwischen höher als im S&P 500.
Diese Verschiebung ist keine Entscheidung eines Fondsmanagers, sondern das mechanische Ergebnis der Indexmethodologie: Kursgewinne einzelner Titel erhöhen deren Gewicht, und die Kurse taiwanesischer und südkoreanischer Halbleiterwerte sind im Zuge der KI-Euphorie stark gestiegen. In der Folge hat sich auch die Länderstruktur verschoben. Lange dominierte China den Index; heute liegt Taiwan mit 27,3 Prozent vorn, gefolgt von Südkorea mit 23,7 Prozent und erst dann China mit 19,0 Prozent. Zu beachten gilt, dass die Kurstreiber der taiwanesischen und südkoreanischen KI-Werte dieselben sind wie bei den entsprechenden US-Aktien. Somit hat die Korrelation zwischen MSCI World und MSCI Emerging Markets zugenommen.
Hinzu kommt, dass die Zusammensetzung des Index selbst kein Fixpunkt ist. Südkorea bemüht sich seit Jahren um eine Hochstufung in den Kreis der Industrieländer; FTSE Russell und S&P Dow Jones stufen das Land längst so ein, MSCI bislang nicht. Käme die Hochstufung, würde ein knappes Viertel des Index in den MSCI World wandern, wo Südkorea dann auf ein Gewicht von zwei bis drei Prozent käme. Am anderen Ende der Skala droht Indonesien der Abstieg in die Frontier Markets. Für Anleger heißt das nicht, dass sie diese Entwicklungen prognostizieren müssten. Es heißt aber, dass man wissen sollte, was man besitzt, und dass ein Index kein neutrales Abbild der Welt ist, sondern ein Regelwerk mit Nebenwirkungen.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ein breiter Schwellenländer-ETF bleibt jeder Wette auf einzelne Länder, Branchen oder Einzeltitel deutlich überlegen. Wir sind keine Gegner dieser Produkte, im Gegenteil. Wir glauben aber – wie schon bei den Industrieländern –, dass es mit der Diversifizierung noch ein bisschen besser geht: etwa über eine stärkere Berücksichtigung kleinerer Unternehmen, über eine gezielte Ausrichtung an gut belegten Faktorprämien wie Size, Value und Quality oder über Indexkonzepte, die Konzentrationen begrenzen.
Schwellenländer gehören für uns unverändert in jedes rational aufgestellte Aktienportfolio – nicht wegen einer versprochenen Mehrrendite, sondern wegen ihres Diversifikationsbeitrags und der Prämie für Risiken, die man bewusst und breit gestreut eingeht. Die starke Wertentwicklung der vergangenen zwölf Monate ändert daran ebenso wenig wie die schwachen Jahre davor. Was sich sehr wohl geändert hat, ist die innere Struktur des bekanntesten Schwellenländerindex – und das verdient dieselbe kritische Aufmerksamkeit, die wir einem MSCI World seit Jahren widmen.
Haben wir Sie zum Nachdenken angeregt oder haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gerne unter: info@der-finanzberater.de
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Quellen: MSCI Index-Factsheets „MSCI Emerging Markets Index (USD)“ und „MSCI World Index (USD)“; Zeitreihendaten via Dimensional, Indexiert auf 100, in EUR, Rebalancing jeweils zum Jahresultimo, keine Berücksichtigung von Kosten oder Steuern; jeweils per 30.06.2026