In der ersten Ausgabe unserer Serie zu „Alpha“ haben wir beleuchtet, warum der Versuch, als Privatanleger (bei gleichem Risiko) langfristig besser abzuschneiden als ein gewisser Vergleichsindex, zum Scheitern verurteilt ist. Nicht einmal designierte Profis, zum Beispiel die meisten aktiven Fondsmanager, schaffen es eine systematische und signifikante Mehrrendite für ihre Anleger erwirtschaften – schon gar nicht nach Kosten.
In Teil zwei zeigen wir, dass es dennoch kontrollierbare Quellen für Mehrrendite gibt. Nämlich „dimensionales Alpha“ durch Faktorprämien (Equity, Size, Value, Quality) und „strukturelles Alpha“ durch Ineffizienzen am Kapitalmarkt wie z. B. steueroptimierte Swap-ETFs. Dabei muss man aber beachten, dass diese Prämien keine Outperformance garantieren, sondern vielmehr Prämien für rational eingegangene Risiken sind. Im Endeffekt folgen sie also dem Grundsatz am Kapitalmarkt: je höher das Risiko, desto höher die mögliche Rendite.
Umso mehr wird Sie überraschen, dass wir in dieser dritten Ausgabe unserer Serie doch noch ein weiteres Alpha finden. Und diesmal liegt der Hebel, besser abzuschneiden als der Rest, nicht unbedingt am Kapitalmarkt, sondern bei Ihnen selbst.
Was ist Ihr Alpha?
Schon in der frühen Steinzeit haben Menschen erkannt, dass ökonomischer Mehrwert entsteht, wenn jeder das tut, was er am besten kann. Selbst dann, wenn er in allem anderen besser ist. In der Wirtschaftswissenschaft ist das Prinzip, dass sich Handel und Spezialisierung lohnen, als „komparativer Kostenvorteil“ bekannt.
Wir möchten also gezielt anregen, einmal darüber nachzudenken, worin Sie eigentlich wirklich gut sind. Und lassen Sie uns raten? Die neuesten Geschäftszahlen von Apple vor dem Schlafengehen zu analysieren, um 400 Kaufempfehlungen von professionellen Analysten zu widerlegen, dürfte kaum dazugehören.
Konzentrieren Sie sich auf Dinge, in denen Sie gut sind
Bei (fast) allen jungen Menschen stellt das Humankapital, also der Barwert der über das Berufsleben erzielten Arbeitseinkommen, den weitaus größten Teil in der eigenen Vermögensbilanz dar. Anders als Sachvermögen lässt es sich nicht direkt verkaufen, ist für die meisten Menschen aber die mit Abstand wichtigste Vermögensquelle ihres Lebens. Wer in Weiterbildung, Gesundheit oder berufliche Netzwerke investiert, steigert dieses Kapital unmittelbar. Bei einem Medizinstudenten, Juristen oder Betriebswirt zum Beispiel kommt man selbst konservativ gerechnet schnell auf Bilanzposten von über zwei Millionen Euro. So ziemlich jeder junge Erwachsene ist somit größtenteils besser beraten, die eigene Lebenszeit ins Lernen für die nächste Prüfung oder Examen zu investieren, als in exotische Tradingstrategien für ihr meist noch kleines Vermögen.
Und auch über die Zeit ändert sich das Bild nicht. Sagen wir eine nun ausgelernte Fachärztin hat wirklich eine Anlagestrategie entwickelt, mit welcher sie langfristig + 1 % Outperformance über die aktienüblichen ca. 7 % erzielt. Die für diese Mehrrendite aufgewendete Zeit hätte sie alternativ auch in die eigene Karriere – zum Beispiel in die eigene Praxis oder fachliche Weiterbildung – investieren können. In diesem Szenario nehmen wir an, ihre Sparquote könnte durch stärkeres Einkommenswachstum vielleicht pro Jahr um 5 % steigen. Auch wenn Rendite ein wichtiger Hebel ist, hätte die Karriere-Ärztin nach 30 Jahren bei gleicher anfänglicher Sparquote und geringerer Rendite ca. 337.000 Euro mehr auf dem Konto als die Investoren-Ärztin.
Quelle: Eigene Berechnungen, Visualisierung mittels künstlicher Intelligenz
Ein guter Unternehmer, Geschäftsführer oder Spezialist erzielt in der Regel langfristig oft deutlich höhere Renditen, wenn er seine Fähigkeiten verbessert, produktiver arbeitet, bessere Entscheidungen trifft oder sein Einkommen steigert, statt Zeit mit Aktienanalysen und Marktprognosen zu verbringen. Es geht schlicht darum, den eigenen kontrollierbaren Wertschöpfungsbeitrag zu erhöhen:
- Der Handwerksmeister, der statt mit Aktien-Tipps lieber zwei Stunden früher in die Werkstatt geht, einen zweiten Gesellen einstellt und so seinen Umsatz verdoppelt.
- Die angestellte Steuerberaterin, die ihre Wochenenden nicht ins Trading steckt, sondern in den Fachanwalt für Steuerrecht – und drei Jahre später als Partnerin einsteigt.
- Der IT-Freiberufler, der sein Tagessatz-Potenzial durch eine Zertifizierung um 30 % erhöht, statt zu versuchen, mit Optionsscheinen das Gleiche zu erreichen.
Und übrigens funktioniert persönliches Alpha auch im Investmentkontext. Im Gegensatz zu uns kennen sich einige unserer Kunden sehr gut mit Immobilien aus. Sie haben sich über Jahre und mit viel Energie eine funktionierende Deal-Pipeline und wertvolle Kontakte zu Handwerkern aufgebaut, mit der sie Objekte handeln oder aufwerten und damit mehr Rendite erzielen als der Immobilienmarkt eigentlich hergibt. Das heißt aber nicht automatisch, dass das für sie auch am viel transparenteren und informationseffizienteren Aktienmarkt funktioniert. Gleiches gilt für Investoren, die mittels Private-Equity oder Venture-Capital sehr spitz in privat gehaltene Unternehmen investieren. Als professioneller Investor sollte man sich also stets fragen: „In welcher Anlageklasse gelingt es mir langfristig konsistentes Alpha zu generieren?“. Wenn ich mir dabei nicht sicher bin, sollte ich mich bei eigentlich allen Anlagen eher auf einen beta-orientierten Investmentansatz verlassen. Denn wie bei Wertpapieren laufen die meisten illiquiden Anlagen bei Privatanlegern in der Regel schlechter als erwartet oder der Markt.
Der Versuch, den Markt zu schlagen, kann eine Verschwendung ihrer Lebenszeit sein
Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn Sie Ihr persönliches Alpha nicht gleich gefunden haben. Denn Alpha steht meist im kontrollierbaren Entscheidungsverhalten nicht nur in Einkommen und Karrierechancen. Wer seine Energie in Familie, Freundschaften, Gesundheit oder Herzensprojekte investiert, erzielt häufig eine deutlich höhere persönliche Rendite als jemand, der in jeder freien Minute in sein Depot schaut. Die Zeit, die man mit Menschen verbringt, die einem wichtig sind, die Freude an sinnvollen Projekten oder die Freiheit, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können, führt direkt zu einem bewussteren Lebensstil – und indirekt auch zu einem finanziellen Alpha:
- Der Familienvater, der seine Wochenenden den Kindern widmet statt dem Depot, und in 20 Jahren immer noch ein gutes Verhältnis zu ihnen hat.
- Die Managerin, die konsequent Sport treibt, gut schläft und dadurch zehn Jahre länger leistungsfähig bleibt.
- Der Pensionär, der sein Ehrenamt oder ein Herzensprojekt zur Lebensaufgabe macht – Rendite in Lebensqualität.
Die höchste Rendite entsteht oft durch Konzentration auf den eigenen Kompetenzbereich und Dinge, die kontrollierbar sind. In etwa bei den Kosten, in der Diversifikation, der eigenen Sparquote oder der Karriereentwicklung. Ein guter, glücklicher und gesunder Unternehmer mit einem recht simplen ETF-Portfolio schlägt langfristig häufig einen mittelmäßigen Investor mit komplexen Strategien.
Beim Versuch ständig die besten Investments herauszusuchen, verlieren viele Menschen Aufmerksamkeit, Energie, Fokus und oft auch Lebensqualität für die eigentlich wichtigen Dinge: Familie, Gesundheit, Freunde, Herzensprojekte, Beziehungen, Beruf, Hobbys, Netzwerke und so weiter.
Was ist nun Ihr Alpha?
- Das tun, was Spaß macht,
- und, was man besser kann als andere,
- und, was einem wichtig ist,
- unter den eigenen Verhältnissen leben,
- Zeit für sich arbeiten lassen,
- Investments breit streuen,
- Kosten gering halten,
- Investiert bleiben,
- Karrierekapital aufbauen,
- gesund bleiben,
- flexibel bleiben.
Viel Erfolg bei der Umsetzung. Haben wir Sie zum Nachdenken angeregt oder haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gerne unter: info@der-finanzberater.de
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- Teil 1 | Die Suche nach dem Alpha. Bauen Sie Ihre finanzielle Zukunft nicht auf Glückstreffer!
- Teil 2 | Ist Alpha wirklich ein Mythos? Wo wir eine strukturelle Überrendite am Kapitalmarkt finden können.
- Die Verhaltenslücke: Die Verhaltenslücke: Warum die Renditen von Privatanlegern so gering sind | Der Finanz Berater