Drei Ausgaben lang haben wir uns nun dem akademischen „Alpha“ gewidmet, also dem Fachbegriff für eine Mehrrendite gegenüber einem Marktportfolio. Unter dem Strich, lautet das Zwischenfazit der Serie etwa so: Privatanleger wie Profis scheitern eklatant an dem Versuch besser abzuschneiden als ihre Benchmarks. Meist sind sie aus Rendite-Risiko-Aspekten als auch erstrebenswerter Einfachheit besser beraten marktnah, zum Beispiel über ein klug gestreutes ETF-Portfolio, zu investieren und die Marktrendite sauber zu vereinnahmen. Wer unbedingt eine Outperformance braucht, kann Risikoprämien (sogenannte Faktoren) höher gewichten, in der Hoffnung, dass der Markt diese langfristig höher vergütet. Als Privatanleger ist es jedoch klüger, sich auf eine saubere Anlagestrategie und sein eigenes, persönliches Alpha zu konzentrieren, um eine Überrendite gegenüber anderen zu erzielen. Das ist meist das, was man besser kann als andere und was man im Gegensatz zum Kapital auch selbst kontrollieren kann.
Der aufmerksame Leser unserer Serie könnte an dieser Stelle ein Fazit ziehen: Wenn selbst die Profis den Markt nicht schlagen können, ich mir als Anleger selbst ein gut gestreutes ETF-lastiges Wertpapierportfolio aufbauen kann und die größte Mehrrendite ohnehin aus meinem Beruf, meiner Gesundheit oder meinen persönlichen Beziehungen hole – wozu brauche ich dann eigentlich einen Vermögensberater. Und wenn ich einen habe, liefert er mir denn wirklich einen fühl- oder messbaren Mehrwert? Zugegeben, mit dem im Internet frei zugänglichem Wissen und dem einfachen Zugang über (Neo-)Broker und Banken zu über 50.000 Wertpapieren braucht heute niemand mehr unbedingt einen Vermögensberater. Doch wie in Teil 3 unserer Serie beschrieben, sollte sich am besten jeder darauf konzentrieren, was er am besten kann. Würde ich versuchen mit etwas Know-how aus YouTube und Material aus dem Baumarkt die Elektrik meiner Wohnung zu überholen. Möglich? Sicherlich. Klug? Wahrscheinlich nicht.
Erstmal generiert ein Berater negatives Alpha
Beginnen wir mit Logik: Ein Berater kostet Geld. Ob als prozentuale Vergütung auf das verwaltete Vermögen oder über Provisionen. Jede Form von Kosten schmälert zunächst einmal die Nettorendite. Alles andere gleichgesetzt, ist jeder Euro an Kosten damit erst einmal ein negatives Alpha. Diese Arithmetik lässt sich ebenso wenig wegdiskutieren wie die Kostenlogik aktiver Fonds aus Teil 1. Die zentrale Frage lautet daher: Glaube ich, dass der Mehrwert meines Beraters höher ist als seine Kosten?
Sprechen Sie ihren Berater gerne darauf an. Sollte seine Antwort „Keine Sorge Frau Müller, ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit dieser Strategie mindestens 2 % besser abschneiden als der Markt“, nehmen Sie sich in Acht. Wie kann es sein, dass sich ein Berater so sicher sein kann, wenn selbst das Gros Fondsmanager an ihrer Benchmark scheitern? Zudem soll sich der Berater ja mit Ihnen, Ihrer Lebenssituation und Ihren Zielen befassen – nicht damit für Sie den Markt zu schlagen. Wenn ihr Berater seinen zentralen Mehrwert jedenfalls auf das Märchen Nr. 1 der Finanzindustrie, der Outperformance, stützt, sollte Ihnen das zu denken geben.
Ein guter Berater wird Ihre Frage ernst nehmen und bejahen. Er wird zugeben, dass seine Kosten die Rendite schmälern. Er wird aber nicht im zweiten Satz mit dem Überrendite-Gegenargument kommen. Idealerweise legt er diese Kosten offen und gibt Ihnen an die Hand, warum er glaubt, dass Sie langfristig einen emotionalen und wirtschaftlichen Mehrwert aus der Zusammenarbeit ziehen werden. Apropos guter Berater, worauf Sie bei der Auswahl Ihres finanziellen Begleiters konkret achten sollten, haben wir in unserem Artikel „Woran erkenne ich einen guten Vermögensberater?“ ausführlich beschrieben.
Ein guter Berater schützt Sie vor teuren Fehlern
Nun, wo Sie sich schon einmal vor den Sagen der Finanzindustrie in Sicherheit gebracht haben, lauert nun der zweite Gegner, der obendrein noch gefährlicher für Ihr Vermögen ist. Sie sehen ihn nämlich jeden Morgen in Spiegel. Richtig, die größte Gefahr für das eigene Vermögen sind wir selbst. Denn die meisten Menschen scheitern an der Kapitalanlage, obwohl Sie wissen, wie es geht. Nur kommen ihnen jede Menge Emotionen und Verhaltensfehler in die Quere. Die schwerwiegendsten davon haben wir schon einmal in unserer Artikelserie „Die sieben Todsünden der Geldanlage“ beleuchtet.
Der Tag an dem Sie sich ernsthafte Sorgen um Ihr Erspartes machen, wird kommen. Der Gedanke zu verkaufen, bevor alles noch schlimmer wird, ist fest in uns verankert. Es ist ganz normal, dass der Mensch auf eine Gefahr hin erst einmal mit einem Fluchtinstinkt reagiert. Über ein Anlegerleben, sind Rückgänge von 20, 30 oder auch 40 möglich und schmerzvoll – bei richtiger Anlagestrategie aber nicht schädlich, solange Sie die wichtigste Regel befolgen: NICHT VERKAUFEN! Denn der mit Abstand teuerste Fehler ist es, nahe dem Tiefpunkt zu verkaufen und die anschließende Erholung zu verpassen.
Ein guter Berater wird Ihnen dabei helfen investiert zu bleiben. Zum einen vor der Krise, indem er mit Ihnen gemeinsam eine Allokation aufstellt, die ihrer emotionalen als auch wirtschaftlichen Risikotragfähigkeit entspricht. Zum anderen in der Krise, indem er mit Ihnen einen Kapitalmarkt-Notfallplan durchhält, der Sie davon abhält den EXIT-Knopf zu drücken. „Investiert bleiben“ klingt auf dem Papier trivial, ist emotional aber alles andere als leicht, wenn das Depot über Monate tiefrot leuchtet und die Schlagzeilen den nächsten Untergang ausrufen. Aufgabe des Beraters ist in dieser Phase ausdrücklich keine Marktprognose – die hat schlicht niemand –, sondern den Kunden an seiner eigenen, in ruhigen Zeiten festgelegten Strategie festzuhalten, welche mit den Anlagezielen in Einklang steht. Es ist dieser unspektakuläre Dienst, der über Jahrzehnte den größten Unterschied macht.
Neben der Angst etwas zu verlieren, ist die Angst etwas zu verpassen – die sogenannte FOMO, die „Fear of Missing Out“ – beinahe genauso groß. Nicht nur der Crash verleitet zu teuren Fehlern, sondern ebenso der Hype. Die Sorge, beim großen Trend nicht dabei zu sein, treibt Anleger reihenweise in das heiße Thema des Jahres: in die Kryptowährung, in die Einzelaktie, über die gerade alle reden, in den Themen-ETF auf das Schlagwort der Stunde oder eben in die „ABC-Superstrategie“. Ein guter Berater ist auch hier ein Filter, der das Portfolio konsequent aus jeder Modeerscheinung heraushält. Diese Differenz zwischen dem, was Anlageprodukte erwirtschaften, und dem, was Anleger durch ihr Verhalten am Ende tatsächlich verdienen, ist als „Verhaltenslücke“ bekannt einer der teuersten und zugleich unsichtbarsten Kostenpunkte der privaten Geldanlage.
Konsequente Begleitung über Jahre generiert positives Berater-Alpha
Wie wertvoll ist dieser Schutz vor den eigenen Fehlern nun konkret? Der Vermögensverwalter Vanguard untersucht genau diese Frage seit Jahren unter dem Begriff „Advisor’s Alpha. Das Ergebnis: Ein guter Berater, der eine Reihe bewährter Grundsätze konsequent umsetzt, kann die Nettorendite eines durchschnittlichen Anlegers um rund drei Prozentpunkte pro Jahr erhöhen – und zwar nach Abzug seines eigenen Honorars (was selbst uns sehr hoch erscheint und auch vor dem Hintergrund, dass Vanguard selbst Finanzprodukte an Finanzberater vertreibt kritisch gesehen werden muss). Trotzdem deckt sich das Ergebnis mit unserer Philosophie: Der größte Einzelbeitrag stammt dabei ausdrücklich nicht aus der Portfoliokonstruktion, sondern aus der Verhaltenssteuerung, von Vanguard auf etwa 1,5 Prozentpunkte beziffert. Entscheidend ist die Lesart dieser Zahl: Dieser Mehrwert entsteht nicht durch die Auswahl besserer Fonds oder durch das Schlagen des Marktes, sondern durch die langfristig saubere Umsetzung einer funktionierenden Strategie.
Das Analysehaus Morningstar ist mit dem Konzept des „Gamma“ einen ganz ähnlichen Weg gegangen (Blanchett und Kaplan, 2013). Hier wird der Wert kluger Finanzplanungs-Entscheidungen quantifiziert: etwa die Entnahmestrategie im Ruhestand sowie eine Allokation, die tatsächlich zu den Zielen des Anlegers passt. Das Ergebnis ist ein „Gamma-äquivalentes Alpha“ von rund 1,6 Prozentpunkten pro Jahr – ein Wert, der nach Einschätzung der Autoren ein typisches Beraterhonorar in der Regel übersteigt. Auch hier gilt: Es geht nicht um das Schlagen des Marktes, sondern schlicht um die Qualität der Planung und Umsetzung.
So beeindruckend diese Zahlen klingen, gilt auch hier die Lehre unserer gesamten Serie: es gibt kein Free Lunch. Es handelt sich um Modellschätzungen und Durchschnittswerte, die je nach individueller Situation des Anlegers erheblich schwanken. Sie beschreiben das Potenzial eines guten Beraters. Ein schlechter oder zu teurer Berater liefert dagegen genau das negative Alpha. Advisor‘s Alpha ist damit keine Garantie, sondern eine bedingte Prämie: eine Prämie dafür, den richtigen Berater auszuwählen und ihn auch klug zu nutzen. Es ist exakt dasselbe Prinzip, das wir bei Faktorprämien und strukturellem Alpha bereits kennengelernt haben.
Fazit
Damit schließt sich der Kreis unserer vierteiligen Serie. In Teil 1 haben wir gezeigt, dass Alpha am Kapitalmarkt für die meisten Privatanleger eine statistische Illusion bleibt, weil die Gesamtheit der aktiven Fonds nach Kosten zwangsläufig hinter dem Markt zurückbleibt. In Teil 2 haben wir eingeräumt, dass es mit Faktorprämien und steueroptimierten Strukturen durchaus gut vergütete, kontrollierbare Renditequellen gibt; diese aber stets die letzte Optimierungsschraube sind und nicht die erste. In Teil 3 haben wir den größten Hebel für die meisten Menschen identifiziert: ihr persönliches Alpha aus Karriere, Sparquote, Gesundheit und Fokus. Und in diesem vierten Teil haben wir gezeigt, worin das Alpha eines guten Beraters tatsächlich besteht.
Über alle vier Teile hinweg wiederholt sich dasselbe Muster: Die großen Renditebeiträge entstehen nicht dadurch, dass man den Markt überlistet, sondern aus kontrollierbaren Dingen – aus niedrigen Kosten, breiter Diversifikation, Disziplin, dem eigenen Verhalten und den richtigen Lebensentscheidungen. Genau hier fügt sich das Alpha des Beraters ein. Ein guter Berater schlägt den Markt nicht für Sie, er sorgt dafür, dass Sie nicht gegen Ihren eigenen Markt verlieren. Er macht Kosten transparent, hält Sie in Panik und Euphorie an Ihrer Strategie fest, denkt an Ihre Nachlass- oder Notfallplanung und optimiert die Struktur im Hintergrund. Das gibt Ihnen Zeit und Ruhe zurück, die Sie in Ihr persönliches Alpha investieren können.
Das ehrliche Gesamtfazit dieser Serie lautet daher: Die Suche nach dem Alpha am Kapitalmarkt führt die meisten Privatanleger in die falsche Richtung. Das eigentliche Alpha liegt in einer klar definierten Anlagestrategie, in ihrer disziplinierten Umsetzung, in geringen Kosten und im Fokus auf das eigene Leben und die eigene Kompetenz. Ein guter Berater ist kein Magier mit einer Glaskugel. Er ist der Partner, der dafür sorgt, dass genau diese kontrollierbaren Dinge auch tatsächlich Jahr für Jahr passieren. Und vielleicht ist genau das am Ende das verlässlichste Alpha, das es überhaupt gibt.
Quellen: Kinniry, F. M. et al. (2019). Putting a Value on Your Value: Quantifying Vanguard Advisor’s Alpha. The Vanguard Group; Blanchett, D., & Kaplan, P. (2013). Alpha, Beta, and Now… Gamma. The Journal of Retirement, 1(2), 29–45.
Weitere Artikel zu diesem Thema:
- Teil 1 | Die Suche nach dem Alpha. Bauen Sie Ihre finanzielle Zukunft nicht auf Glückstreffer!
- Teil 2 | Ist Alpha wirklich ein Mythos? Wo wir eine strukturelle Überrendite am Kapitalmarkt finden können.
- Teil 3 | Persönliches Alpha – Ihr wahrscheinlich bestes Investment! Warum Sie sich darauf konzentrieren sollten, wo Sie gut sind.